2

Mütterliche Gesten

Wie sie ihre Wange an die seine schmiegt,
ihn streichelt, umarmt,
ihn auf die Stirne küsst –
Wie sie ihn auf den Boden stellt,
sein unbeholfenes Davontappen
schmunzelnd mitverfolgt,
Arme ausgestreckt,
offen für ein Ziehenlassen,
stets offen für ein Zurück.

Edgar Hermann
aus dem Lyrikkalender 2017/5

---------------------------------------------------------------------------

 

1

Maien

Bald kommt der holde,
wonnevolle Maien wieder,

das Leben fängt nochmals von vorne an,
die Vögel trillern ihre Frühlingslieder –

wohl dem,
der sich dem Jubel zugesellen kann!

Edgar Hermann
aus dem Lyrikkalender 2017/5

---------------------------------------------------------------------------

 

2

Wäre ich ein Wind

Wäre ich ein Wind,
möchte ich ein Durchzug sein,

der Türen zuschlägt
und Fenster öffnet.

Richard Knecht
aus dem Lyrikkalender 2017/4

---------------------------------------------------------------------------

 

1

So könnte es gehen

Dem Unausweichlichen
im Wege stehen.

Dem Kopflosen
die Stirn bieten.

Das Unangemeldete
erwarten.

Richard Knecht
aus dem Lyrikkalender 2017/4

---------------------------------------------------------------------------

 

2

es wird hier
oder dort
licht

noch eine weile
frost
klart auf

Gertraud Wiggli
aus dem Lyrikkalender 2017/3

---------------------------------------------------------------------------

 

1

aus den wolken gefallen
erschrockene farben
bunte flocken am boden
primeln schnee und osterglocken
veilchen hyazinthen wenig grün
unglauben über nacht
ein ausschlag plötzlich
blüht der tod

Gertraud Wiggli
aus dem Lyrikkalender 2017/3

---------------------------------------------------------------------------

2

Gehörtwerden

Still sein
heisst nicht,
nichts
zu sagen haben.

Schweigen
heisst nicht
stumm sein.

Reden
heisst nicht,
etwas
zu sagen haben.

Abwenden
heisst nicht,
taub sein.

Edith Saner
aus dem Lyrikkalender 2017/2

---------------------------------------------------------------------------

 

1

Nichtwissen

Anders
anders als gestern
als vorgestern
als vorvorgestern

Anders
anders als vor Stunden
vor Minuten
vor Sekunden

Und jetzt?

Edith Saner
aus dem Lyrikkalender 2017/2

---------------------------------------------------------------------------

 

2

Uns Sterblichen tut Not Geduld

Johannes Brahms legt uns ans Herz Geduld
im Deutschen Requiem. An Langmut, Huld
ist reich der Herr, gebietet, dass wir warten
auf seine Zukunft. Ferne sei Entarten!

Reinhard Genner
aus dem Lyrikkalender 2017/1

---------------------------------------------------------------------------

 

1

Unser Herz gibt Rätsel auf

Verzagt und trotzig ist des Menschen Herz;
sein Ziel liegt hier, jedoch bald anderwärts.
Facettenreiches Ding, wer mags ergründen?
Für Unvernünftiges sich kanns entzünden.

Reinhard Genner
aus dem Lyrikkalender 2017/1

---------------------------------------------------------------------------

 

#

Passe
die Masse
deines Balastes
der Beschaffenheit
deiner Flügel an 

Susanna Gneist
aus dem Lyrikkalender 2017/Titelblatt

------------------------------------------------------------------------------------


Alle vorhergehenden Gedichte sind dem PRO LYRICA Lyrikkalender 2017 entnommen.
© 2017 by den Autoren