Arkadien

Liebe Dichter,
Da habt ihr ein richtiges Problem, an dem ihr euch die Zähne ausbeissen sollt. Ich weiss jetzt nicht, ob ihr es nicht selbst geschaffen habt. Das wäre euch aber durchaus zuzutrauen. 
Ich will es euch einmal so vermitteln — denn ihr seid ja zu nahe mit der Nase im Stoff drin, um den Überblick behalten zu haben:

1. Das Land ist ein ideelles, das es gibt. 
2. Es ist nicht so, wie es für euch ist. 
3. Das hat euch nicht davon abgehalten, das für wahr zu halten, was es in diesem Land nicht gibt.

Arkadien, meine wenigen Damen und allzu zahlreichen Herren, befindet sich in Utopien. Das Arkadien, das auf dem Peloppones liegt, ist steinig und kahl, hat ein äusserst unfreundliches Klima – und Löwen haben dort ausser euch keine gebrüllt. Die Schafe waren Geissen, und die Hunde Kläffer. Die Maiden waren füllige Bauerstöchter, und die Hirten athletische, aber leider birnenweiche Jünglinge.

Apropos Fallobst: Birnen wuchsen keine, Äpfel auch nicht. Gelegentlich ein Zitronenbusch, und das hat euch schon begeistert und singerig gemacht. Lauter Steinbrocken und Kalkbreiten, Seenplatten und Sumpfanrichten. Und ihr wollt noch nach Arkadien, ihr Et-Ego-in-Arcadionisten!
Sehr wahrscheinlich ist dieser offene Brief, den ich hier publiziere, auch eine vergebliche Liebesmühe: ihr braucht ja Utopien! Ihr habt es noch nie verstanden, nicht in der Fiktion zu leben. 
Fakten sind für euch unzulässige Krücken, Menetekelwände der Wirklichkeit. Ihr umschleicht sie scheu und kichert leise eure Gesänge von den trauten Idealen. Ach, ihr verkappten und verlogenen Platoniker!
Ich könnte noch vieles schreiben, will es aber für heute dabei bewenden lassen. Ein andermal zu einem andern Thema mehr und ähnliches. 
Und für jene, die vom Ende her zu lesen beginnen: ‹Arkadien ist nicht lieblich.› (Christa Bauer)

Für heute grüsse ich euch in verärgerter Verbundenheit, 
Euer Arno Holz

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