Bäume oder Naturlyrik in der Moderne 

Lyriker sind Minenläufer. Sie bewegen sich durch unwegsames, verstepptes oder dschungelartiges Terrain, robbend und huschend, hinter Büschen und im Unterholz Schutz suchend, aber nur für Sekunden, Augenblicke. Hin und wieder versagt einem aus dem Zug die Vorsicht, und eine Wolke aus Blut und Sand, Lehm und Knochen stiebt in den stahlblauen, unerbittlichen Himmel der Frontlinie. 

Innere Emigration ist da keine Lösung (Stichwort Loerke!). Die verklärende Darstellung von Vogelflügen, Vogelstimmen oder Astregungen, von Sonnenuntergängen, Grillabenden und Wanderrouten ist wenig zur Aufklärung der Probleme der Moderne geeignet. 

Lyriker überlassen dieses Feld, das keine einheimische oder heimelige Landschaft mehr ist, nach Napalm-, Agent-Orange- und Nuklearwaffeneinsätzen, den Sonntagsmalern, Kabarettisten, (Schnitzel-) Bänkelsängern, Slam-Poeten und Gelegenheitsdichtern. 

Und manchmal, wenn sie sich um die langsam ausglühenden Prügel ihres Lagerfeuers kauern, träumt einer von ihnen vom heimatlichen Vorgarten, vom vorabendlichen Bier, vom ersten Kuss und vom Gesang der Nachtigall, während Romeo im Lazarett verblutet und Julia auf einer Hochzeitsreise bei den Hottentotten aufwacht.  OF

 

Die Reihe der Baum-Gedichte oder eben: Gespräche über Bäume und die Möglichkeit von moderner Naturlyrik (nach Robert Gernhardt):

1. Brechts ‹An die Nachgeborenen›
2. Celans ‹Ein Blatt, baumlos
3. Enzensbergers ‹Zwei Fehler
4. Frieds ‹Gespräch über Bäume›
5. Biermanns ‹Grünheide, kein Wort›

Mehr zu Naturlyrik findet sich im Buch ‹Gespräch über Bäume. Moderne deutsche Naturlyrik›, im Reclam-Verlag erschienen. 

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