Klopstock, Friedrich Gottlieb

Klopstock (1724–1803) hat sich selbst zu einem Dichterfürsten aufgeschwungen und bleibt für uns moderne Menschen erstarrt im Korsett seiner religiösen, alles Weltliche heiligenden Emphase und unverständlich im Reifenring seiner rhetorischen Mäjestät. Bereits als Schüler der Schulpforte (Gymnasium in Sachsen-Anhalt), in dem auch der Philosoph Fichte geformt wurde, und das der Sprache und den Geisteswissenschaften in den Augen von uns Nachgeborenen, die sich auf mehrere Jahrhunderte stützen, in deren Verlauf die im 17. und 18. Jahrhundert erst richtig erblühende Empirik in Gestalt der Naturwissenschaften zunehmend wirk- und lenkmächtig geworden ist, ja alles Denken von Geistigem und Seelischem dominiert, einen übermässigen Wert beigemessen hat, lässt sich sein Weg als Über-Rhetor und sentimentalischer Singer erkennen. Seine Absicht war es, in allen literarischen Gattungen, insbesondere aber im Epos und im Drama, eine Art Nationalkunstwerk, ein Denkmal deutscher Sprache und ‹Gesinnung› zu errichten, was er mit dem Epos ‹Messias› (1773 fertig gestellt) und den Hermann-Dramen vollbracht zu haben glaubte. Als einer der ersten Dichter der Vormoderne sah er sich ganz ‹dichterisch›: sein Leben nur dem Ausdruck gewidmet, allerdings nicht ohne einen gewissen Hang zum Lebemännischen. Obwohl seine Werkausgaben schon zu Lebzeiten von auch finanziellem Erfolg gekrönt waren, und er als einer der ersten Vorstreiter für die Rechte der Autoren gelten darf, blieb er doch in einer feudalen Welt gefangen, abhängig von den Börsen und Ehrengehältern, die ihm hauptsächlich der König von Dänemark, aber auch andere deutsche Fürsten, zukommen liessen. 

Sein Frühwerk ist geprägt von einer rhetorisch-überhöhten Empfindsamkeit und würdigt ganz den Freundschaftskult und die seelisch-religiöse Verbundenheit mit Gott in der Liebe. Sein Spätwerk, insbesondere die theoretischen, fast sprachwissenschaftlich zu nennenden Schriften, schaffen eine eigene Poetik und ein eigenes, modernes Sprachverständnis, das allerdings immer vor dem Hintergrund der noch nicht erfolgten Bildung einer nationalen Idee oder Einheit zu sehen und auf diese hin gedacht ist. 

Klopstocks Bedeutung für die deutsche Sprache literarischer und lyrischer Ausprägung wurde von den Klassikern durch eine Reduktion auf seine Vorreiterrolle im Rahmen des Geniekultes geschmälert. Sein Rückgriff auf antike rhetorische und poetische Dichterwettkämpfe, die das Erhabene fördern sollten, beflügelte die Nachgeborenen, obwohl diese bereits einer mimetischen Poetik verfallen waren, wonach Originalität weniger im Nachahmen der Vorgänger oder Vorbilder (und im Übertreffen derselben), als vielmehr im Nachahmen der Vorbilder aus Natur und Gesellschaft entstehe; dieser Konflikt zwischen platonisch-idealistischer und aristotelisch-realistischer Auffassung wurde noch zu Lebzeiten Klopstocks von Schiller expliziert (für ihn ist Klopstock ein sentimentalischer, also idealistischer Dichter).

Erhabener Stil (s. Hoher Stil) ist leicht zu verspotten, wenn der Spötter sich nicht auf den Wettstreit einzulassen bereit ist; Hyperbel und Überhöhung sind idealistische Figuren, die in einer durch und durch sprachlich-durchformten und auf einen Vortrag hin (im Gegensatz zum Lesen im stillen Kämmerlein) gedachten Poetik ihren Lebenszweck finden.

Moderne Lyrik hat nach Klassik und Moderne in der Postmoderne wieder zu einer stark sprach-theoretischen und metasprachlichen Poetik zurück gefunden, deren Verve und Künstlichkeit ganz klopstockisch ist, jedoch ohne das Erhabene auskommt und ohne die von den Romantikern hochgehaltene Ironie nicht (über-) lebensfähig wäre…  OF

‹Klopstock hat auf dieser geistigen Grundlage der deutschen Dichtungssprache eine bis dato unerhörte sinnliche Ausdrucks- und sinnhafte Bedeutungsfülle erschlossen. Dies kann nach wie vor bereichern: um eine Sprache des Gefühls, die man ohne diesen Dichter selbst nicht bilden könnte. Und diese Bereicherung kann um so grösser sein, je stärker und nachhaltiger die Massenmedien das öffentliche und private Reden durch verarmenden Konformitätsdruck beeinflussen.› (Klaus Hurlebusch)

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