Moderne

Moderne ist immer, Moderne ist nie. Jeder Schritt in der Geschichte, jeder Buchstabe auf dem Papier – führen näher heran und weiter weg. 

Die Renaissance, die Aufklärung allgemein, kann als unterste Ausgrabungsschicht verstanden werden, als erste Schicht der Zwiebel, die eine Aufschrift trägt, ‹Der Mensch schreitet fort›.

Die Kritik an der Moderne wurde schnell auf den Plan gerufen und geworfen: Schon Göthe sah in den 35 Bänden der Enzyklopädie (1751–1780) eine Art Trennmauer zwischen Empfindung/Aussage und Verstand/Erklärung, eine Zerstörung der Natürlichkeit. (Lasst uns mal Rousseau mit Eselsohren in die Ecke schicken für dieses Thema, wir brauchen dich nicht, Jean-Jacques, danke für die Blumen!)

Während Schlegel und Hegel die Zeitgeschichte mit Brecheisen aus der antiken Verankerung hegeln und schlegeln wollten und mit der französischen Revolution ein neues Stadium der Geschichte erreicht sahen, stemmte Baudelaire eine neue Ästhetik des Hässlichen, Grotesken, des Schmerzes in den Blick des Lesers, die man durchaus als in der Entfremdung eben dieses neuen Stadiums wurzelnde Perspektive verstehen darf. 

Was soeben erst, eben gerade (lat. modo) entsteht, ist unser menschlicher, literarischer Horizont, nicht immer Avant-Garde, Vorhut, aber meist sehr weit in Feindesland vorgesandt, und manchmal hüten sich die Lyriker zu stark und sind zu oft auf der Hut vor den Impulsen, die den Menschen weiter, fort und fort treiben, und obwohl es uns graust, reiten wir geschwind, auch wenn das Geschöpf bereits tot in unsern Armen liegt… 

Letztlich ist jedes literarische Handeln damit ein Effort und Elan, jenes, ‹was die Mode streng geteilt›, wieder in eines, in ein Ganzes zurückzuführen oder, mit dem Dichter zu sprechen, zu ‹-binden›. Und dieses findet sich vielleicht wirklich erst – am Horizont; da, wo man gerade nicht ist und gleich sein wird, eben war und schon wieder nicht.  OF

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