Prosagedicht

Nur einem Franzosen konnte es einfallen, ‹Lieder› in Prosa zu verfassen, wie das Lautréamont mit seinen ‹Chants de Maldoror› getan hat. In dieser Gedichtform, die Berühmtheit erlangte in Baudelaires ‹Spleen de Paris› (1868), konvergiert das lyrisch-getragene Sprechen mit der Umgangssprache und der freie Rhythmus mit dem Prosarhythmus. Dabei entsteht jedoch keine Erzählung, sondern eine Art Gemälde, ein schwebendes, irisierendes Gewebe aus Wirklichkeit und Traum. Das Prosagedicht dient dabei häufig als Mittel zur Stimmungsverstärkung. Seine Zwitterstellung, wie die Biologen sagen würden, oder seine hermaphroditische Gestalt, wie die Philosophen betonen könnten, erlaubt eine weit grössere Spannbreite des Ausdrucks als die herkömmliche Gedichtform, birgt aber die Gefahr in sich, entweder ins Poetisch–Kitschige oder ins Prosaisch-Nüchterne abzudriften. 

Meister wie Saint-John Perse haben diese Klippe zwischen Venus und Mars gekonnt mit der nötigen Ironie, die aber durchaus Rücksicht auf die Erwartungen des Kaffeekranzes nimmt, umschifft: 

Lied

Mein Pferd hält unter dem Baum voller Turteltauben, ich pfeife einen so reinen Pfiff, als es da Versprechen all der Flüsse an ihre Ufer gibt. (Lebendige Blätter im Morgen sind bildlich gleich dem Ruhm)…

Und es ist nicht so, dass ein Mensch nicht traurig sei, aber er erhebt sich vor dem Tag und pflegt mit Vorsicht den Umgang mit einem alten Baum, das Kinn auf den letzten Stern gestützt, sieht er im Grunde des Fastenhimmels grosse reine Dinge, die sich in Vergnügen wandeln…

Mein Pferd hält unter dem Baum voller Turteltauben, ich pfeife einen reineren Pfiff… Und Friede mit denen, wenn sie sterben, die diesen Tag gar nicht erblickt haben. Aber mein Bruder der Dichter kam mit Nachrichten zurück. Er hat noch eine süsse Sache geschrieben. Und einige haben es vernommen…  OF

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