Buchwink #03

BUCHWINK VON PETER RUDOLF |

MARTIN LIECHTI ‹LEICHT DANEBEN – APHORISMEN UND NOTATE› |

Laut hinterer Umschlagklappe ist es der zweite Band mit Aphorismen und Notaten des Schweizer Schriftstellers Martin Liechti. Er ist einer, der Worte hat: «Hast du erst die Worte […]», (S. 9). Die Texte gruppiert er allesamt unter Stichworte, die Stichworte ordnet er alphabetisch an von «Abdrift» bis «Zur Sache». In der Form wechselt Liechti zwischen Appellen/Ratschlägen, Identifikationen, Dialog und Feststellungen (nicht vollständige Aufzählung):

«Liebe dein Schicksal. Du änderst es, weil du dich änderst.» (S. 128)
«Wir versinken in der Zeit – ihre Wellen schlagen achtlos über uns zusammen […]» (S. 14)
«Du erreichst das eine nicht, weil du alles nicht erreichst.» (S. 139)
«Zum Mut gesellt sich manchmal das Glück.» (S. 68)
Neben wenigen Wortneuschöpfungen (Nimmermensch, S. 78) verwendet er öfters das Stilmittel der Variation eines Gedankenblitzes. Da können sich dann bis drei Weiterentwicklungen folgen auf einer Seite. Als von mir als gelungene Gedankenblitze empfunden seien hier zitiert:

«[…] Eigensinn ist mit Schmerz verbunden.» S. 35
«Weiss die Sprache mehr als du?» S. 101
«Nichts drängt die Kugel, auf die richtige Seite zu rollen.» S. 122

Bei letzterem Beispiel findet sich ein «no-go-to-poesie-Wort», das hier aber passend verwendet wird. In deren Gebrauch wie «keine», «jede» und ihre Verwandten ist Liechti recht sparsam; ausser mit «alle» (substantivisch oder adjektivisch), das siebzehnmal auftaucht, und «immer», welches er zehnmal verwendet. Auch bei Aphorismen und Notaten empfinde ich diese Stellvertreterwörter als unpassend. Von mir als eher nicht so gute Texte empfunden sind beispielsweise:

«Wer an kleinen Sorgen haftet, erreicht nicht die Würde grosser Sorgen». (S. 106) – Hier scheint mir das sich-Kümmern um die Kleinigkeiten, dem manchmal im Leben viel Wert zukommt, mit Füssen getreten.
«Heute wollen alle, dass man alles über sie weiss. Ich bin zufrieden, wenn man nichts über mich
weiss.» (S. 140) – Hier finde ich im ersten Satz eine ganz und gar nicht zutreffende Behauptung. Auch wenn die Übertreibung ein Mittel des Aphorismus sein soll – in dieser Art zweifle ich daran.
«Englisch entschuldigt alles: Inhaltslosigkeit, mangelnde Originalität, tumben Stil, kitschige
Übertreibung.» (S. 73) – Mir scheint, da wird – wohl unbeabsichtigt – als Nebenerscheinung das Englische auch disqualifiziert. Was kann das Englische, diese so schöne Sprache dafür, dass viele von uns sie so mangelhaft nutzen?

Zum Schluss drei Texe, die mir als Highlight erschienen bei der Lektüre:

«Warum bist du so streng mit dir?» (S. 143) – [den Zusatz: «Lerne dich dulden.» könnte sich der Autor meiner Meinung nach ersparen – das erscheint mir doppelt gemoppelt, der Autor sagt zuviel, und der Leser muss gar nichts mehr denken, weil ihm der Autor keine Chance dazu gibt.]
«Wer sucht nicht das Auge hinter dem Auge?» (S. 69)
«Kurz währt das Glück, wenn es gelingt.» (S. 72)

Textklopfer

Martin Liechti: ‹Leicht daneben – Aphorismen und Notate›, Bucher Verlag, 2020, Hardcover, 160 Seiten, Schutzumschlaggestaltung unter Verwendung eines Bildes von Paul Klee, ISBN 978-3-99018-553-7

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