Buchwink #12

EINE POETIK DES DAZWISCHEN |

SONJA CRONE ‹EINEN SPALT WEIT› |

«Einen Spalt weit» heisst das Lyrik-Debut von Sonja Crone, das im Geest-Verlag (2024) erschienen ist. Im Folgenden möchte ich einen Aspekt hervorheben, der mir für ihre Dichtung bedeutsam erscheint und in diesem Band eine Grundkonstante darstellt: Das «Dazwischen» menschlichen Daseins, d.h. seine Zwiespältigkeit.

Die Autorin thematisiert dies auf vielfältige und gekonnte Art und Weise: Da ist zunächst der Zwiespalt von Geist und Körper, wie er in den Schlusszeilen des Gedichts «Mit König Salomon» anklingt: Gegen das Schweigen / bin ich / Körper / bin ich / Erde, die spricht

Oder der Zwiespalt zwischen Mensch und Natur: Vor dem Tag / steht da die Pflanze / in natürlicher Grazie / verliert eine Blume die Maske / pflückt das Mädchen / die Narzisse Oder wie es in einem anderen Gedicht heisst: Wenn wir uns / wundern / schwebt / ein Sommervogel / über dem / leeren Stuhl

Und immer wieder thematisiert sie auch den Zwiespalt von Sprache und Wirklichkeit, wie im Gedicht mit dem bezeichnenden Titel «Dazwischen»: Zwischen Himmel und Meer / Zwischen Zeichen / und Rauschen / Tragen Wellen die Silben / und aus Worten beginnt sich / eine Insel zu bilden / Sprache ist unsere / Heimat / aus Sätzen bauen wir Brücken / von Eiland zu Eiland

Dass der Mensch aufgrund seiner Ausstattung eine Sonderstellung in der Natur einnimmt, ist ein philosophischer Topos, der von der Antike bis in unsere Tage reicht. Der Mensch wird immer wieder als ex-zentrisches Wesen charakterisiert, weil er vieles mit der Tierwelt teilt, aber doch aufgrund seiner Vernunft, seiner Reflexivität, seiner Sprache eine Sonderstellung einnimmt. Crones Dichtung erinnert in dieser Hinsicht an Sören Kierkegaards Beschreibung des Menschen in «Krankheit zum Tode». Darin schildert er den Menschen als eingespannt zwischen unterschiedlichen Polen – Unendlichkeit-Endlichkeit, Freiheit-Notwendigkeit, Zeitlichkeit-Ewigkeit. Für den dänischen Philosophen bedeutet die einseitige Auflösung zugunsten eines dieser Pole das Verschwinden des Menschen. Um Mensch zu sein und zu bleiben, muss er lernen, in der Spannung zu leben.

Auch Sonja Crones Dichtung ist weit davon entfernt, den Zwiespalt menschlichen Daseins in einer allzu billigen Harmonie zu versöhnen oder einseitig aufzulösen. Im Gegenteil, sie deutet immer wieder auf Spannungen und Brüche hin, wie in dem folgenden Gedicht: Sehnsucht / nach einem kühlenden / Kleid aus Blau / gegen das Verglühen / meiner Sprache // Hunger nach der / Kontur meiner Worte / in einer Welt / die ihre Sprache / an der Sonne / entblösst

Oder wie in den Anfangszeilen des Gedichts «Ein Ende»: Ich suche ein Ende / ein Ende / an dem Worte / sich berühren // jenseits / des Schweigens / jenseits eines Stillstands

Mit vielfältigen und sprachlich starken Bildern führt die Autorin in ihrem Erstlingswerk die Bandbreite menschlichen Daseins vor Augen. Auf dieser Erkundung trifft man auf keine endgültigen Antworten – höchstens auf Andeutungen eines Raums «Dazwischen». Vielleicht der einzige Raum, den der Mensch bewohnen kann, will er Mensch bleiben. Sicherlich ist es der Raum, den ihre Gedichte bewohnen.

Giuseppe Corbino

 

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