Oliver Füglister

Carte Blanche 2013/10 von Oliver Füglister
© 2013 by Oliver Füglister oliver.fueglister@gmail.com

 

 

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Mitten im Leben

Mitten im Leben
Stehen und doch
Wie wenn es eben
Jetzt erst begänn.

Nichts ist gewesen
Ausser Gerenn.
Alles nur Spesen –
Münzwurf ins Loch.

Wandel des Wesens?
Wohl kaum… Und wenn
Endlich entwickelte

Sich aus den Thesen
Deines Geflenns
Neues – Recyceltes?

 

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Ohne Grund/Zum Verderben

Ohne Grund nimmt und gibt sich
Was sich begibt und entrinnt
Dem Ungefähren und in der Wolke
Verborgenen: zum Verderben vielleicht.

Wie gleicht sich alles
Im Moment des Werdens
Und nicht im Moment des Seins:
Eine Zukunft erhalten
Aus der Befreiung vom Möglichen?
Möglichkeiten bewahren
Für ein Geschehnis in uns
Das für uns aufginge und für jene
Die uns und den Abgrund
Der in uns sich schließt
erkannt haben.

In und mit jeder Handlung
Deinen Abgrund spreizen
Damit die Spreu des Guten
In ihn
Falle. Keime
Im Dunkeln. Nichts
Wird unmöglich oder alles:
Das Stöbern der Amsel im Totlaub
Das Schleppen der Ameise am Maikäfer
Das Krabbeln des Bienenstocks im Storenkasten
Die eigenen Fruchtfliegengedanken.

Zum Verderben geschehe ich und
Ohne Grund: Entfaltung der Leere
Entleerung der Fülle. Gedeihen
Ist anders. Erblicken
Ist anders. Was möglich war
Verfliegt. Ich stehe im Licht
Fruchtlos und furchtlos
Zum Verderben und ohne Grund.

 

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Wachstum

I
Ich wuchs dir zu –
Gewann an Dreh –
Verlor an Ruh’:
Entsprang dem Steg.

Ich wuchs im Nur
Von dir hinweg:
Das Tier im Weg –
Es wurde Reh.

Und jetzt ist Flur
Vor mir wie Rohr:
Ich steh im Flor.

Zerschnitten Schnur
Aus Trug und Näh’.
Betört vom Tor…

II
Mein Mentor du –
Die Wachheit nächstes
Gefühl der Fährte:
Gewinn an Ruh.

Ich lechze jetzt
Nach dir: ich hechte
Entgegen Pfeil.
Verlier den Dreh.

Nicht mich verletz
Ich so: Gefährte
Der spürte Nächstes.

Erschaffe Steg
Und nichts ist steil.
Vermischt Geschlechter…

III
Gefahren sind
Mir Heimat – Tor
Zu einem Trieb
Befreiend Leib.

Die Spur wird nie
Vom Geist erreicht
Und selten wird
Aus Tieren Kunst.

Und jene Hürde
Die stand vor Neid
Zerschmilzt im Strom

Den noch zuvor
Ich hielt für Brunst.
Find endlich Würde…

 

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Luziphrastisch / Photographisch

Ach wie mir deine Wortspiele auf den Wecker gehen
Zischt es hinter meinem Rücken
Und ich drehe mich betroffen um.
Zwei unbestimmt gestimmte Mienen
Über einen Tisch gebeugt
Wie über ein krankes Kind im Schlaf.
In mir blitzt auf ein wörtlicher Moment
Der wortlosen Teilnahme
Bevor der Satz das Geweckte
In Vorbereitung auf die Entstehung
Berührt. Bevor es im Glas liegt:
Auf das eigene Leben zu streichen
Zur Beruhigung und
Gegen Unterzuckerung.
Im oder unterm Glas…
Mein Blick ist im Umwenden auf den Blick der Frau
Getroffen und traf dort
Die Angst davor
Dass Blicke wie Wörter.
Sein Rücken ist rund
Und nicht schwach darin.
Nachdem ich ausser Hörweite bin
Denke ich daran
Wie doch unvorbereitet und entstanden
Im eigenen Rücken
Jederzeit ein Spiegel
Warnen kann.
Perle eines Rosenkranzes
Der allgemein-gegenwärtigen Banalität.

 

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Ode an die Sünde VI

Ich sah einen Krüppel befallen von Zeit und gewärtig
Tod und gesichtsloses Sein: Langmut ist ihm und Distanz
Zum Starren der andern. Regt sich in ihm das Vergang’ne?
Vorzeit aus Trotz und Geduld; Aufzug des Könnens und Tuns?

Ich stehe am Scheitel der Zeit und am Punkt der Umkehr
Doppelgesichtig und stumm, wach und erstickt in dem Raum,
In dem ich geübt die geringen Bewegungen meines
Tuns in Erwartung des Lohns: Torheit vermeintlichen Herrs.

Die Zeit aber fällt ab von sich wie die Blüten der Bäume,
Dass ihr darauf die Frucht wachse und rufe den Mund,
Zu kosten Zerfall, Balance und Lähmung, Verlockung:
Dass ihr entspringe das Nichts, leckendes Boot des Verzichts.

Und hässlich erscheint in mir Mutwill. Anämisches Eigen-
Recht der gespiegelten Tat: Borstendurchstochenes Gut.
Ich wende mich um und erblicke nur noch die verwehten
Spuren des Rads eines Pfaus. Lachend erkenn ich mich nicht.

Ich sah einen Krüppel (vom Zeitbund gelöst und gereinigt)
Werden Gezeiten-Besitz: Weitendes Lächeln des Muts.
Da vorne erhob sich die Biegung getrübten Spiegels:
Feld des Erlebens und Watt vieler durchgang’ner Gestalt.

Da vorne – gewiss! Das Gescheiterte hofft auf Geburt stets,
Trägheit und Torheit vereint: fast immer nur in der Flucht.
Und Fluchten von Taten vor uns wie Kreisssäle, wartend
Auf den Gesang des Kinds: Kelche und Kehlen voll Staub
.
Es dauert mich selten, und während ich falle und wende,
Sehe ich dort zwischen Knien nichts ausser Dickicht und Flut.
Verlockender Wirrwarr, Gesurr der Verwesung. Die Streben
Riechen vom Schweiss und von Lust: Trockenes Weiss des Geschlechts.

Ich seh’ einen Krüppel, der weder im Kriechen gefangen
Noch in der Hilfe des Jetzt – Kaum im Geword’nen verharrt.
Er ist, und darin wird er mehr! Gedreht, gereckt nach vorne!
Weiss vom Guano der Zeit. Heiler ein Krüppel als ich!

 

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Versöhnung

Entlöhnung für den Schatten eines Flügels
Für den Schutt eines Pfads
Gezogen im Makel eines Himmels
Und durch die Blaupause einer Sühne –
Schwalbenbühne der Träume…
Die Frage gilt: wer erhebt
Ohne Mühe seine Köpfe
Aus dem Wirbel-Grund
Ungeheuchelter Heimlichkeit?

Verhöhnung für die Taten einer Rede
Für das Gut einer Phrase
Betrogen im Krakel eines Blatts
Und durch das Grauhausen einer Bühne –
Hühnengrab der Nähe…
Die Frage gilt: wer erlebt
Ohne Nöhlen die Lücke
In der letzten Stund
Unverseuchter Kühnheit?

Entwöhnung von den Akten eines Bückens
Von dem Blues einer Waage
Erzogen im Flaken eines Glaubens
Und durch Verschnaufpausen einer Busse –
Falkenlust der Ängste…
Die Frage gilt: wer erhebt
Ohne Mühe seine Zöpfe
Aus dem Igel-Wuchs
Ungezeugter Heimeligkeit?

Versöhnung in Katarakten eines Zückens
Für das Blut einer Wahl
Erhoben im Mukus eines Würgens
Und durch die Hauchblase einer Düne –
Hühnerställe voller Rehe…
Die Frage gilt: wer erlebt
Ohne Nöhlen die Tücke
In dem Kummerbund
Unvergeudeter Blüte?

 

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Meine Arbeit

Das Heft in das ich täglich schreibe
Ist ein Heft das ich umklammere
Damit nichts mir entgleite davon
Dass alles täglich mir entgleitet.

Das Wort auf das ich täglich stoße
Ist ein Wort das ich beheimate
Damit nichts im Verhauchen davon
Worauf der Tag gebaut verhaucht.

Die Hand mit der ich täglich schreibe
Ist die Hand die ich erfahre
Damit nichts mich führe dahin
Wo alles täglich mich verführt.

Der Sinn auf den ich täglich trete
Ist ein Sinn der mich befruchtet
Damit nichts mich vernichtete davon
Dass alles täglich mich vernichtet.

 

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