Carte Blanche 2018/10 von Cornel Köppel
© 2018 by Cornel Köppel

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ausgeheckt

die tiere haben die büsche verlassen
gesonnt in duckmäusers schatten
für was und wofür und wo führt das

noch hin der schatten geht mit
wächst aus der bedrohung
auf und davon die fenster atmen

ziehen beifallslos die vorhänge
vor wildem geheck
vor vergessenem getier

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der zaun

verbrettert und verdrahtet
ins grobmaschige
teils von wildreben überwachsen
zäunt er sich auf schützend mit stacheln
versetzt er mich in eine andere zeit
in eine andere umgebung

die nicht weiss was sie umgibt
hinterm zaun ebenda der zugleich gast
von dem so mancher streit
gebrochen und nichts versprochen
noch immer der gleiche ist

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haltlos

weiss und lichtdurchflutet
wenn das sehen sehen verändert
auch voreingenommen
lebt es sich gut hier drinnen
im gegensatz zu draussen

wo räume ohne wände
und nichts am nagel hängt
das der schwerkraft zum opfer
fällt diese haltung

die nun eine andere ist
dem raum letzte halterung
übergreifend lichtbefleckt

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[…]

zwischen steinportalen stehlen
tropfenden kavernen in den fels
gehauen die jahre ins moos
gewachsen der hohe himmel
schweigsam und sternbefangen
flatterechos vom in die hände klatschen
herbeigerufene arenen reliefs
die noch niemand berührt hat
ihre struktur vorläufiger tage

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unentwegt

unwegsam dieses unterwegssein
das mir über den weg läuft
ins wegweisende in offene arme
es hat seinen weg gemacht
aber wen interessierts

nur nicht davon abkommen
immer schön in der spur bleiben
das reifenprofil auf wessen fersen
auch immer das unterwegssein

vielleicht ein leerlauf ein irrlauf
über den schienenstrang
mit schwitters gähnenden strassen
in der tasche  

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fadenscheinig

niemand hört
die stecknadel fallen

hochgesteckt den saum
mit warmer hand

zwei finger breit
kreuzstichig

zu faden geschlagen
saumselig werden 

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warnband

an den rändern flattern bänder
keine spur von fremdeinwirkung
einem indiz oder motiv
flattert das pvc-band
über mikroskopische wachsamkeit
gesplitteter DNA diese haar
brüchigkeit ein probates mittel

aber zu welchem zweck
der scheitelpunkt im ansatz
über den ersten abgleich
der datenmenge geschert
in erwartung erster ergebnisse

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verschirmbildet

mein hypersnap schnappt
wieder mal über
den rand hinaus die vorstellung
was ihr gerade in die quere
schnipselt ja schert sie aus

behält alles für sich und fügt
nichts ein aber schneidet
sich die welt wie es ihr
im zwischenspeicher gefällt
zurecht oder zu unrecht

etwas anderes zu behaupten
geht gar nicht aber fragt doch
den cutter im falschen film
der sich aus dem bild gemacht 

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dingsda

licht bricht in schall und rauch aus
gelächter vertsummt kehrt wieder
wohin habt ihr das feuer gebracht

den wahnsinn zur weissglut getrieben
auf schulterblättern der erleichterung
in sentimentalen sommern

wenn ziegeldächer wärme abgeben
nachts ausrufe in gegröle übergehen
im nachhall der unterführung

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dafür

was ist denn das für ein wider
und dagegenhalten
es ist nicht zum
ob dafür oder dagegen
man kann davon halten
was man will

von diesem fahren
das uns ständig widerfährt
haben wir nichts
ausser wind in den haaren

und es schwebt sich gut
auf der wolke dreistigkeit
enthoben allen verfahren

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verhandelt

mit welcher leichtigkeit sie das macht
die handbewegung durch die ein ruck geht
eine menge unverrückbarer dinge die
sich auf den rücken drehen
wie wir im schlaf

den wir nach langem suchen
endlich gefunden haben
und das von langer hand ein geben
und nehmen wenn sie nimmt
was sie kriegt ohne die andere zu bekriegen

eine kleine sensation diese fingerfertigkeit
nicht gleich die ganze zu nehmen
sollte noch etwas übrigbleiben
von der leichtigkeit einer geste
vom handschlag mit dosiertem druck
wenn sich die eine in die andere legt

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einzelzimmer

das ganze kupfer in dem einst
gutes wasser zum heizen floss
zum wärmen der körper
die auf einmal verschwunden
wie vieles andere auch
das nicht mehr seinesgleichen

unseresgleichen ein anderes
geworden das sich in nichts mehr
gleicht ist doch letztlich alles
ein grosses angleichen
ein abgleichen bis das ebenmass

erreicht ist im zimmer mit fliessend
warm und kalt wasser nachts
wenn der heizkörper blubbert

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faltbar

der nachtfalter im flug bis hin
und zurück vielleicht nicht mal das
weltfalten sind auch unsere falten
im schein der stehlampe oker bespannt
gefaltet zu einem ornamentarium

im zuge eines lebens mitgefaltet
von den überwerfungen umwerfend
diese landschaft schwindliger höhen
und schluchten die so tun als ob

tun wir gut daran unser dasein
zurechtzufalten und zwar nachhaltig
trotz verwerfung und unterwerfung

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fussgängerzone

denke dir ein wort
und schliesse die augen
erkenne es wieder
als ein neonleuchten
verbogener lettern

im o-ton der leuchtschlange
das staunen über
zerfaserte lichtfäden
über schimmerndes gewebe

dann die vielen regenschirme
strassauf strassab
ein einzig
kollektives gehüpfe

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feinabstimmung

wir wissen von vorne herein
was es zu sagen gibt
was man zu sagen hat
schamlos werden die hüllen
der sprache fallen enthüllungen

über körpermasse biometrisch vermasst
bis in die letzte faser unberührt
von wimpernschlägen gieriger blicke
auf geheiss das mass aller dinge
die rettung verheissen als hätten
wir noch einmal glück gehabt

die regler ein wenig nachgestellt
im nachhinein uns darauf
nochmals abgestimmt

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adhäsion

erst ein strich dann ein hauch
landstriche lösen sich auf

zuckende blitze über dem lindenberg
pfeilschnell geäderte entladung
ins entfernte gerückt

was einem dabei so alles durch
und nicht in den kopf geht
nicht einleuchten will

am morgen wassertropfen
kopfüber unechtes perlit
am balkongeländer  

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neunter monat

ein traktor rattert übers feld
er pflügt ein furchenmeer

unweit davon plustert sich
der kuckuckswald auf

er blättert
den herbst ins jahr 

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rührselig

tage wie aus
der zeit geschält
wer denn sonst

wenn kein wort
sich rührt
den mund berührt