Carte Blanche 2013/02 von Matthias Müller Kuhn, Kilchberg

hundertzwanzig kleine Gedichte, 
die sich an das japanische Haiku erinnern und einladen, 

leichtfüssig, unbeschwert, absichtslos und selbstvergessen Weisheit zu üben 
© 2013 Copyright by Matthias Müller Kuhn Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 


 

 

Weisheit üben

I. Leere

auch wenn am Morgen
die Netze leer sind du warst
die ganze Nacht auf Fischfang

eine Schale nur
wenn sie leer bleibt
kann Klang Schale sein

was für ein Morgen

in der leergetrunkenen Kaffeetasse

findet das Universum Platz


II. Griechenland

eine antike Säule steht mitten

in den Trümmern der Geschichte
und trägt alleine den Himmel

Fische glänzen
auf dem Markt hätten sie doch
das Meer mitgebracht

Schwer sind Schätze
der Vergangenheit unter
Gesteinsschichten zu finden

Was ich in den Sand schreibe

wird von Wellen verwischt

erinnert sich daran das Meer


III. Heute

Die Leuchtreklame zieht
am Abend
ahnungslose Fliegen an

 

Die Druckerschwärze

der Zeitung beschreibt

treffend das Elend

 

Worte auf Plakaten

geraten unter die Räder

der Strassenbahn

 

Nachts eilen die vielen Lichter

auf Strassen vorbei

schau die Sterne bleiben stehn

 

 

IV. Klage

Die Krähe kräht

im kahlen Baum

was hat sie nur zu klagen

 

Regentropfen tanzen lustig
und springen
ins schmutzige Wasser

 

Ein Steinhaufen auf

dem Feld wer hat seine Sorgen

dort zusammengetragen

 

Auch wenn ich einen Zipfel

des Traums erhasche lässt er

seinen Mantel nicht fallen

V. Springe in den Wind

Ein Bach stürzt über Felsen

und denkt nicht daran

wie er wieder nach oben kommt

Kosmischer Kreis dreht sich

ihr Haus trägt

die Schnecke selbst

 

Der Regen hat den Staub
von gestern weg gewaschen
lass uns neu beginnen

 

Halte nicht an deinem Haus

fest springe lustig wie

die Fahne in den Wind 

 

VI. Wortmelodie

Das Blatt lag lange unterm Schnee

frei wirbelt es jetzt im Wind

wie schnell es vergisst

Eine Fahne zeigt stolz

auf den Wind der nicht weiss

wo er bleiben soll

 

Duft der Rose in roten

Samt gehüllt gehen Erinnerungen

durch meine geschlossenen Lider

 

Zauber der Wortmelodie

von Licht überhäufte

Blütenbäume im Frühling 


VII. Zeit vergeht nicht

Aus Langeweile Blütenblätter

zählen lass doch

den Windstoss zu

Lautlos gleitet der Mond

über den See mit weissen

glänzenden Segeln

Die Zeit vergeht

nicht sondern nur wir

Menschen vergehen

Erst auf mehrdeutigen

Saiten segeln 
neue Wortklänge