Giuseppe Corbino

CARTE BLANCHE GIUSEPPE CORBINO |

Lyrisches |

am see entlang / wellen zeichnen / jahresringe in den sand: // jahre kommen und gehen. // bunte blätter haben / ihr element eingetauscht: // nun wiegt sie das wasser. // jemand hält eine spielzeugschaufel / in die luft und droht, / die zeit zurückzudrehen.

 

CARTE BLANCHE 2021/09 VON GIUSEPPE CORBINO, LUZERN © 2021 BY GIUSEPPE CORBINO giuseppe.corbino@hispeed.ch 

‹CARTE BLANCHE› ist ein Angebot von PRO LYRICA. Hier stellen sich Lyrik-Autorinnen und Lyrik-Autoren für die Dauer einiger Monate mit Arbeiten vor. Sie möchten hier publizieren? Senden sie eine anfrage an: carteblanche@prolyrica.ch

für einen anderen himmel

lassen wir offen,
wer zuerst gegangen:
er oder wir.
die marmorfiguren an den wänden

müssen kurz darauf verstummt sein.

ihr leerer blick sagt,
dass wir nicht mehr hinter
ihren gedanken kommen werden.

die letzten gebete
sind schon für einen
anderen himmel bestimmt.

 

maske

am fenster werden
regentropfen erst
zu tränen.

ich täusche einen weinenden vor,
der von seiner traurigkeit nichts weiss.

klein ist diese welt,
wenn sie uns ernst nimmt.

der regen fällt weiter,
der wind hat gedreht.

 

festland

wir trauen der spiegelung nicht.

schwimmen im himmel
oder zumindest auf augenhöhe.

vom ufer aus ruft uns kein gott zu,
der sich selbst nicht überschätzt hätte.

eine armlänge voraus ist
unser wunsch nach festland.

 

bilder einer baustelle drei haikus

I
monotoner lärm
bis zum rand der baugrube,
langeweile quillt über.

II
der bagger kratzt an
der oberfläche, darunter
eine weitere.

III
die maschine schlägt
eisenpfeiler ein, nie endender
stundenschlag

 

angst

warum hältst du dich
am geländer,
als würde es sich
über die zeit erstrecken?

 

wege

die busfahrt dauert an,
fahrgäste kommen
und gehen.

auf dem asphalt springen
regentropfen auf.

für einen moment
die hoffnung, ihr weg
führe zurück.

 

urteil

der leuchtkäfer
in seiner spur.

kriecht so langsam,
als ziehe er den eigenen
schatten als fussfessel
hinterher.

unwissend,
was er begangen.

 

im sandkasten

gemäss auskunft wird nach
einem alten schatz gegraben.

jeder hieb in den sand reicht
immer nur so tief, dass die
neugier wachgehalten wird.

morgen ist auch noch ein tag.

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