Cento

Viele Köche ver(d)erben den Brei-, könnte als sprichwörtliches Motto über diesem lyrischem Patchwork-Verfahren stehen. Als praktizierte Intertextualität würde der Herr Poststrukturalist deren kompilative Essenz bezeichnen.

Was als Wort so schön klingt, muss auch schön sein- oder etwas anders ausgedrückt: Was nachher so schön fliegt/wie lange ist darauf rumgebrütet worden… (P. Rühmkorf)

Eigenes Dichten funktioniert nie im luftleeren Raum. Vergangene Winde und Ströme mischen sich bewusst oder unbewusst in die Bilder, Zeilen, Strukturen zeitgenössischer Verse.

Diese Vorbilder auszusprechen, sie in einem neuen Verfahren zu mischen und ihnen eine Form in einem eigenständigen Gedicht zu geben, das vermag das Cento. Das titelgebende lateinische Wort, ursprünglich Flickenteppich oder Lumpen, aber auch Matratze, Decke, bezeichnet also schon etymologisch zwei Bedeutungshorizonte: Das (Er)Finden von Zeilen, Versen (berühmter) Vorbilder der Poesie quasi als Matratzen-Matrize (1); ihre anschliessende künstliche ‹Verflickung› (2)  evoziert neuen Sinn, stellt einen neuen Kontext her und kann so den (ausgesprochenen) Bezug zur Gesamtheit der poetischen Sprache und Kultur schaffen.

Damit wird aber auch schon konnotiert, dass es im Cento gerade auch um parodistische, ironisch-sinnverfremdende Attitüden gehen kann.

Das Erschaffen eines Weltalls der Worte (Nelly Sachs) gebiert Sternenstaub, Funken, Materie, die als Satellitenzeilen auf den Umlaufbahnen des Poetengehirns kreisen und Fliehkräfte und Gravitationen wechselseitig zu/verwerfen. Ein Cento als neues Sonnensystem ordnet diese interstellaren Körper neu und schafft so neues Leben, illuminierte  Ansichten und Gebilde.  JW

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