edition pro lyrica

Peter Rudolf ‹Am Strassenrand viel Heimatland› |

Poesie gewürzt |

Wer gerne zu nachhaltigem Schmunzeln wie auch Nachdenken in Kombination angeregt werden möchte, dem sei der Lyrikband, ja Lyrikband, Am Strassenrand viel Heimatland von Peter Rudolf wärmstens empfohlen. Um nun die Kaskaden seiner einfallsreichen Miniszenen wirkungsvoll an die Leserschaft zu bringen, hat der Autor zu einigen geschickten Tricks gegriffen.

Da ist zunächst das poetische Grundgerüst eines Fünfzeilers mit überwiegend beibehaltenen, achtsilbigen Versen in Verbindung mit dem konstanten Reimschema aabxb zu nennen. Allein schon diese jeweils recht heftig empfundene Unterbrechung der Reimerwartung (x) unterstützt zugleich einen Überraschungseffekt auch in der Aussage. Als zweite Methode, die Aufmerksamkeit hoch zu halten, greift Peter Rudolf prinzipiell zu ungewöhnlichen Gedankensprüngen wie Wortspielen, oft noch gewürzt mit poetischen bzw. rhetorischen Mitteln, wie schon im ersten Beispiel mit seinen vielen verbindenden Assonanzen (ei) und seiner kühnen Personifizierung zu beobachten.

#1
Ein Bleistift eilte einmal weit

zur Eule hin: ‹’S ist höchste Zeit,
dass du gezeichnet wirst› und spricht
mit ungemein gestrenger Mine,
daran sie ihm sogleich zerbricht.

Man beachte ausserdem insbesondere das Jonglieren mit den Homophonen Mine und Miene.

Manches mag vordergründig als blosse Freude am Wortexperiment erscheinen, doch gelingt es dem Autor immer wieder, darüber hinaus unseren Verdacht in Richtung eines tieferen Sinns durch uneigentliche Sprache wach zu halten. Ein amüsanter Schelm, das sicherlich, doch zweifelsohne dazu einer mit ernst zu nehmender Absicht bis hin zu bitterer Ironie. Steckt etwa bei dem farbenspielerischen Beispiel #8 vielleicht sogar ein wie auch immer gemeinter, versteckter Hinweis auf den Dichterkollegen Durs Grünbein dahinter?

#8
Ein gelber Mantel singt ‹Juhee›

dem grünen Bein im blauen See
und dies ganz ohne zu erröten
unter dunkelweissen Wolken
hängend voller purpurn‘ Nöten.

Auf diese Weise versteht es Peter Rudolf in seiner ihm ganz eigenen Art die Spannung zwischen herzerfrischender Urkomik – selbst extravagante Wortneuschöpfungen kommen zum Zuge – und dem Bedürfnis nach wesentlicheren Aussagen in der Schwebe zu halten. So entsteht doppelter Lesegenuss: Schmunzeln garantiert vorab, jedoch stets gepaart mit der unterschwelligen Aufforderung, noch einem weiteren Anliegen nachzuspüren.

Die Glarner Künstlerin Erika Sidler begleitet die 126 Gedichte mit Gemälden und feinfühligen Zeichnungen. Mario Andreotti, emeritierter Literaturprofessor, würdigt den Gedichtband auf der Cover-Rückseite «als in einer langen lyrischen Tradition» stehend, «die über Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern und Franz Wedekind bis zu Heinrich Heine zurückreicht.»

Klaus-Dieter Wirth

 

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Peter Rudolf ‹Am Strassenrand viel Heimatland›
Edition PRO LYRICA 2020, ISBN 978-3-033-07893-2
Illustriert von Erika Sidler, Widmung Prof. Dr. Mario Andreotti
Klappenbroschur, 124 Seiten, CHF 34,80, € 28,80

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