Hermeneutisch

Gedichte, und besonders moderne Gedichte, verlangen oft nach einer ‹Auslegung› oder ‹Erklärung›; sie scheinen vielen Lesern verschlossen oder hermetisch. Das liegt aber meist schlicht daran, dass der moderne Leser die Hermes-Schuhe im Estrich zwischengelagert hat. Hermeneutiker haben seit frühester Zeit in den Werken der Lyriker, Epiker und später Romanciers Spuren und Sinn jenseits des Worts gesucht: den sprichwörtlichen übertragenen Sinn hinter jeder Wortkante. Dabei wird aus der allegorischen Lesung einer ‹dunklen› Aussage (man denke an den berühmten Kafka-Text über die Leoparden) im Fortlauf der Geschichte der Versuch einer Rekonstruktion der ursprünglichen Produktion (Schleiermacher) oder gar die pure strukturalistisch-diskursive Deutungsform, die sich letzten Endes nur noch mit den Zeichen selbst beschäftigt und den Sinn darüber ganz vergisst. Der Normalsterbliche muss sich bis auf die Erfindung eines so genannten Gedichtalgorhitmus jedoch weiterhin auf seine intimen, persönlichen und allgemeinmenschlichen Erfahrungen stützen und wird dem ‹dunklen› Dichter weiterhin zurecht vorwerfen können, das Gedicht wurzele weder in der erfahrenen noch in der sprachlichen Wirklichkeit, könne als solches also kein Dasein ausserhalb des Blatts beanspruchen. OF

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