Lyrikseminar St. Gallen I

Lyrikseminar St. Gallen - ein Rückblick

Das Seminar fand im ‹Raum für Literatur› im dritten Stock der Hauptpost St. Gallen statt, einem weissgetünchten loftartigen Saal, dessen Wände reich mit Text- und Bildskizzen vollgekritzelt sind. Durch eine grosse Fensterfront lockte die Aussicht auf Stadt und Landschaft ins Freie und an die Herbstsonne.

Ein inspirierender Ort für lyrische Arbeit, die am Morgen mit Mario Andreottis Referat ‹Über einige Kriterien Zeitgenössischer Lyrik› begann und am Nachmittag mit Oliver Füglisters, ‹Anregungen zur modernen Lyrik›, erfrischende, um nicht zu sagen provozierende Ergänzung fand.

Dazwischen analysierten und erprobten 20 Lyrikerinnen und Lyriker in Gruppenarbeiten am Beispiel moderner Lyrik verschiedene Stilmittel: das paradigmatische Gedicht, die Abkehr vom Ich, Montage und Perspektivenwechsel, u.a.m. Am Ende des Nachmittags folgte die praktische Übung am eigenen Gedicht, mit abschliessender Lesung vor dem Plenum. Nicht ganz alle wagten sich vor, doch es waren viele, die in der kurzen Zeit gute, qualitativ hochstehende Gedichte verfasst hatten, wie Mario Andreotti mit vergleichenden Kommentaren vermittelte.

Kein Wunder: nach allem, was wir zuvor schon erfahren hatten: Etwa über den Irrtum, Lyrik sei die am leichtesten zu schreibende Literaturgattung: sie ist gerade eben die schwierigste! Was mit der besonderen Verdichtung der lyrischen Sprache zusammenhängt und dem Umstand, dass die Gedichte am stärksten vom Formalen her bestimm sind, ganz im Gegensatz zum Roman oder Drama, in denen der Inhalt das tragende Element ist. Das erkläre auch, weshalb massenhaft mittelmässige Lyrikbändchen auf den Markt strömten, die kaum verkauft, und noch weniger gelesen würden. Mario Andreotti ermunterte die Lyrikerinnen und Lyriker, sich zu öffnen für das moderne Gedicht und sich zu befreien von den Massstäben der klassisch-romantischen Lyrik. Diese sei eine Natur- und Erlebnislyrik, geschrieben aus der Ich-Perspektive, mit eingeengtem Blick, wie das heutzutage in unserer wechselhaften und schnelllebigen Zeit nicht mehr angemessen sei.

Die Lyrikerinnen und Lyriker, betonte der Referent, sollten neue Spielarten finden und erfinden, jenseits der traditionellen Muster, oder wenn mit ihnen, so in verfremdeter, ironisch parodierender Form. Reim, Metrum, Rhythmus, Versart spielten heute nicht mehr die zentrale Rolle. Vielmehr überwiege ein neuer metaphorischer Stil, der sich anstelle der ‹Bild-Sinn>-Übertragung durch assoziative Verknüpfungen ganzer Wortgruppen manifestiere und durch Wechsel von Gleichem und Gegensätzlichem semantische Spannung erzeuge. Auch von Aussparung und Reduktion war die Rede, und von der Nominalisierung der Sprache, die auf Verben mit ganzen Satzbögen weitgehend verzichtet.

Moderne sei auch schon alt, begann Oliver Füglister seine provozierende Rede, auch sie habe eine lange Tradition. Die Lyrikerinnen und Lyriker müssten zuerst die eigene Zeit und die eigene Sprache finden. Authentizität und Glaubwürdigkeit spielten eine zentrale Rolle und seien wichtiger als alle ‹Ironiegesten und postmodernen Floskeln›, was er mit einem Zitat von Durs Grünbein noch unterstrich: ‹Gedichteschreiben als Übung in radikaler Selbsterforschung, als eine Art der Abwehr gegenüber Generalisierungen›. Im Weiteren warnte er die Teilnehmer, nicht der Form wegen die Funktion der Gedichte zu vernachlässigen, sondern sich immer wieder zu vergegenwärtigen, worüber sie schreiben wollten. Über Zuflucht (Haus oder Zelt), Transportmittel (Rollstuhl oder Jet-Pack), Unterhaltung (Oper oder Hollywood). Meist finde sich die Form dann von alleine. Lyriker sollten versuchen, ‹auf den Vortrag hin zu schreiben›, als wären sie ‹orientalische Geschichtenerzähler› oder auch, ‹nicht ganz wie die modernen Slam-Poeten, aber doch ähnlich›. Auch an ‹die Stimme, als äusserst wertvolles gesellschaftliches Transport- und Schmiermittel› sollten sie beim Schreiben denken. Und abschliessend wiederholte er noch einmal und empfahl den angehenden Lyrikern: ‹Lernen Sie Ihre Sprache kennen. Lasst sie gehen. Erfinden Sie eine neue. Lernen Sie sie schätzen. Vor allem: Gehen Sie immer wieder – zu weit.› MAM

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