Metapher

Man kann der Lyrik auf keinen Fall vorwerfen, nicht naturwissenschaftlich zu wirken. Das beste Gegenbeispiel ist die Metapher, die ein Wort oder einen Begriff in einen andern überzuführen versteht – das ist auch der ursprüngliche Wortsinn des griechischen Begriffs. Dabei wird die Grenze vom eigentlichen Sprechen (alles ist so, wie es ist) zum uneigentlichen Sprechen (alles ist so, wie es gemeint ist) überschritten, der Schritt vom Wirklichen ins Mögliche getan. Diese chemische Transformation eines Stoffes in einen andern geschieht auch im Alltag, wenn wir in Ermangelung eines genauen Begriffs für ein Objekt oder einen Zustand zur uneigentlichen Rede greifen: wir sprechen dann von Eselsohren oder Schlüsselkompetenzen. Der Lyriker jedoch nutzt die Metapher sehr oft zur Akzentuierung: der Mond sichelt sich durch die Wolken; die Kühe verdrehen ihre Femme-fatale-Augen, etc. Philosophisch gesprochen, ist die Metapher oder allgemein das uneigentliche Sprechen ein religiöses Sprechen, hebt es doch meist etwas Gewöhnliches oder Bekanntes verfremdend auf eine höhere, vergeistigtere Ebene, schafft eine Brücke, über die Sterbliches oder Endliches überzuführen ist ins Fegefeuer von Dauer und Untod.  OF

Worauf ich hinweisen möchte: ausser du bist zuhause
In der Metapher, ausser du hast eine angemessene
Poetische Ausbildung in der Metapher erhalten, bist du
Nirgends sicher. Weil du nicht ungezwungen bist mit figurativen
Werten: kennst du nicht die Metapher in ihrer Kraft
Und in ihrer Schwäche. Weisst du nicht wie weit du 
Auf ihr zu reiten erwarten kannst und wann sie mit dir zusammenbricht.
Bist du nicht sicher in der Wissenschaft; bist du nicht sicher in der Geschichte. 

Robert Frost, Übersetzung OF

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