PRO LYRICA FORUM VOR ORT ST. GALLEN

AUSTAUSCH, REDEWENDUNGEN UND SPRICHWÖRTER |​​

alle Fotos © 2021 Rolf Zöllig  CC BY-NC-ND 4.0

KURZBERICHT VON THOMAS HAKER |​

Am 25.9.2021 trafen sich in St. Gallen wieder ein Dutzend Lyrikbegeisterte im zeitraum.ch, um ihre Gedichte zu lesen, zu diskutieren, und zu einem Thema zu schreiben. Die inhaltliche Vorbereitung und Leitung der Diskussionen lag diesmal bei Cornel Köppel.

Eines von Percys Uslebers Gedichten führte zu Fragestellungen nach der Sinnhaftigkeit von Titeln. Der Reiz eines Gedichts resultiert ja oftmals aus seinen verschiedenen Deutungsmöglichkeiten. Wenn ein Titel diese Vielfalt einschränkt, in dem er den Schwerpunkt auf eine der möglichen Deutungen legt, ist dem Gedicht also nicht geholfen. Die Wahrnehmung wird beschränkt, wie wenn ein Bild in einem farbigen Licht gesehen wird. Titel sollten also als Einstiegsmöglichkeit gesehen werden, Halt geben und den Kern des Gedichts treffen, ohne Deutungsmöglichkeiten zu beschränken. Oder zumindest sollte doch die Möglichkeit, dass der Titel einem Gedicht mehr nimmt als gibt, berücksichtigt werden.

James Mayr las ein kurzes, polarisierendes Gedicht, in dem unter anderem ein Kleinkind sich auf dem Topf erleichterte. Diskussionspunkte hierzu wahren: Sollten Banalitäten aus dem Alltag Anlass für Gedichte sein? Sind die Anklänge an die Beatniks, die dies schon vor mehr als einem halben Jahrhundert zu ihrem Programm erhoben haben, nicht zu deutlich? Und schließlich: wie schön dürfen, sollen, müssen Gedichte sein?

Ein Gedicht von Marianne Mathys gab Anlass zur Diskussion um die bildhaften Eigenschaften von Formen, hier Quadrat und Kreis und dem Prozess der Veränderung während des Zeichnens. Während das Quadrat eine eher dem Rationalen verhaftete Form darstellt, wird der Kreis als umfangend, umschließend wahrgenommen. Es trat die Frage auf, ob innerhalb eines Gedichts Erklärungen nötig oder möglich sind, bzw. welche Funktion diese haben – hier beispielsweise der Verweis darauf, dass der Kreis endlos sei.

Nach dem gemeinsamen Essen vom mitgebrachten Büffet, gab es bei einem Spaziergang im Burgweiher-Park Gelegenheit zu Bewegung, Gesprächen und dem Fang von Mittagssonnenstrahlen.

Cornel Köppel hatte für den Workshop das Thema: Redewendungen und Sprichwörter vorbereitet. Auch diese Gedichte wurden vorgestellt und diskutiert. Eine besondere Überraschung hatte Andrea  Bergundthal für die Beteiligten parat: Unter die vorgeschlagenen Redewendungen und Sprichwörter hatte sie einige selbsterfundene geschmuggelt – offensichtlich waren diese so gut nachgeahmt, dass der Schmuh niemandem auffiel. 

Ende Nachmittag traten die Zusammengefundenen worterfüllt, gut genährt und ausgetauscht, ihren teils doch längeren Rückweg bis weit über die Innerschweiz hinaus z.B. nach Mirchel (BE) an.

Eine kleine Auswahl der entstandenen Gedichte zu Redewendungen und Sprichwörtern, lese nachfolgend.

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Olivia Zeier:

Windstiller Atem
Sternhagelvoller Teich
Blitz erschlägt die Maus

Idylle im Teich
Heeres Cyankalium
Tief sinkt die Leiche

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Marianne Mathys:

Der Garten erschien ihr in einem
geheimnisvollen Dämmer –
Beklommenheit machte sich breit,
doch ebenso eine seltsame
Neugierde;
zu spät, sie fand aus ihm
nicht mehr heraus.

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Cornel Köppel:

im verlauf

was noch nicht ist
kann sich noch erden
und lustig mäandert
die wirklichkeit

im kriechgang bis hin
zur versandung kreuz und quer
die mir so bang wie seicht

auch auf teuer komm raus
kaum lange nährt

umgarnen

die uhr geht zur zeit
bis sie an ihr zerbricht

schmach strich und faden
gegen mein umarmen

hält kein gedenk ausschau
nach einem andern

+++

Thomas Haker:

Die Linke weiß nicht was die Rechte tut und   wenn die langen Schatten, dazwischen
Die Linke weiß nicht was die Rechte tut und   lange Wege, Plätze entlang und
Die Linke weiß nicht was die Rechte tut und   auf Gesichtern ruhen, plötzlich
Die Linke weiß nicht was die Rechte tut und   Autos, Hupen, – verlegen winken
Die Linke weiß nicht was die Rechte tut und   dann die Piloten.

+++

Ruth Weber:

Montagmorgen. 

den angriff der morgenstunde empfangen das
fliehen der nacht verfluchen unter
rauschendem wasser die gedanken verbünden den
kaffee zu heiss trinken mit pelziger zunge den
gaumen abtasten. hose und bluse vereinen den
busfahrer ignorieren den schlüssel
erobern die tastatur
bezwingen den schwimmenden blick einfangen. das
klingeln des telefons mit der hand verwischen die
lippen nachziehen den duft zwischen die
brüste drängen die haare dem nacken
aufbürden. den
augenaufschlag bemühen dem chef huldigen den ficus verachten sein blattwerk
überblasen dem erdreich beim
aufspringen zusehen die
post mit verachtung bestrafen. das fenster öffnen
die zigarettenkringel entlassen das
frösteln der arme ignorieren den kopf nicht verlieren. vergeblich eine büroklammer suchen die schublade zuknallen das
knie am usm-haller-möbel stossen. sich fühlen wie blei der
magen flau und erst
montag. im pausenraum kein
mitgefühl. nur dies: na, bist du wieder bis in die puppen wach geblieben?

+++

James Mayr:

verhandlung

wie vom donner erwürgt
sagte sie

erschlagen?

ja, eine axt im wohnsilo
ersetzt den billiglohnarbeiter aus uganda
und die rentnerschwemme im süden
während am abend die glocken frieden stiften

willst du mir einen aufbinden?

ja einen elefanten

im porzelanlanden?

hälst du mir eine bergpredigt?
ich krieg langsam einen dickes ohr

kriegst gleich einen satz warmer

rede ich nur abstellgleich?
geht denn alles geht den abfluss runter?
lauwarm wie eine forelle
(gemäss lebensmittelgesetz nicht zugelassen)

bach und seine forelle?

nein, dort sind die stillen wasser zu trüb
um darin zu fischen

nichts gefunden?

nein, das ist wie ein suchen im algen-wirr-warr
Der apfel fällt nich weit vom Gelände

ende gelände?

ja die ehrlichkeit wärt nur so lange wie eine packung sofort-reis
in der mikrowelle

35 sekunden bei 800 Watt
wie die lüge inklusive vertrauensvorschuss

hat lange beine?

nein, ich will dir nicht ans bein klimpern
sonst würde ich die lebensmittelmotten aus dem
brotsack lassen

und den spatz?

ja lieber in der hosentasche
als der schmalen kante des flatscreens

nicht auf dem dach?

nein, alles unter flachdach und sach

du da musste ich sie erschlagen

freispruch ich hätte sie bereits bei der axt erschlagen

Alle Rechte der im Forum entstandenen Gedichte liegen bei den jeweiligen Autor*innen.

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