Ingrid Fichtner

Im Zeichen der Wahrnehmung


Nach ‹Lichte Landschaft› 2012 und ‹Von Weitem› 2014, legt Ingrid Fichtner mit ‹So gegenüber› ihren dritten Lyrikband vor, der in der Edition ‹Die Reihe› im Wolfbach Verlag erschienen ist. ‹Gedichte im Blocksatz› heisst es im Klappentext, der schon vorweg darauf hinweist, dass die formale Eigenheit bei der Leserschaft durchaus für gute Verwirrung sorgen könnte. Aber mehr dazu später.
Zeitlich erstrecken sich die neunundsiebzig Gedichte über die vier Jahreszeiten und die damit verbundenen astronomischen Veränderungen. In drei Abteilungen gegliedert wird eine immense Vielfalt an Pflanzen und Tieren durch klarsichtige Beobachtungen, Reflexionen und Sinneseindrücke mit einer behutsamen und zugleich präzisen Sprache aufgefächert.

Es ist das genaue Hinschauen, das den Gedichten zu Grunde liegt. Das lyrische Ich macht es sich deswegen aber nicht etwa bequem auf seinem Beobachtungsposten, sondern bringt sich aktiv ein, wenn es seine Wahrnehmungen mit subjektiven Eindrücken, Imaginationen und Empfindungen verquickt, oder hinterfragt, wie die letzten Zeilen in ‹Es ist März› uns zeigen: ein / Zeichen, dass er müde ist? Dann ist klar; / er gähnt; dass Ringeltauben gähnen, weiss ich / nun; ob sie auch träumen?
Solche Passagen laden zu einer sinnbildlichen Lesart ein, die am Ende in eine konklusive Offenheit mündet.

Wie durch den Sucher einer Kamera wird die Biodiversität von Meeres- und Landökosystemen erforscht und lebendig geschildert. Selbst vor Sternbildern und Planeten macht das suchende Auge nicht halt, wenn es im Gedicht ‹Arktur› heisst: ist der hellste Stern am Frühlingshimmel und / Hauptstern im Bootes*; Arktur also hätte ich / gerne festgehalten, mit meiner Kamera; so / wirklich weit wär’ er nicht weg – das dachte / ich; und was bleibt mir?
Interessant auch der Perspektivenwechsel vom Makrokosmos zum Mikrokosmos, wenn sich der Blick von den um Lichtjahre entfernten Himmelskörpern auf das Kleinstleben in unmittelbarer Nähe richtet:
Ein kurzer weisser / Wurm, der sich von rechts nach links zu / schieben scheint; ich würde ihn nicht / zerdrücken wollen, noch den Tausendfüssler, der sich auf seine Hinterbeine stellt.

Und wo Insekten sind, da ist auch der Vogel nicht weit, der als wiederkehrendes Motiv in Erscheinung tritt. Vom Gelbspecht über den Eisvogel bis zum indischen Pirol, um nur ein paar wenige zu nennen, ist die Rede. So werden dem Klopfen und Pochen eines Spechts im Gedicht ‹So instrumentale Signale› vor allem durch das hochstimmige Trommeln eine streng rhythmisierende Stimme zuerkannt. Und die Birke, die in voller Junipracht steht, ist nicht nur Trommelplatz, sondern auch Resonanzkörper der Gereiztheit, wenn es abschliessend heisst: der Specht / scheint sehr gereizt.

Werden im ersten Teil noch Landschaften und Lebensräume wie Feldränder, Seen, Teiche, Auen und Bachläufe lyrisch verortet, sind es im zweiten Teil die Meere und seine Bewohner. Wenn beispielsweise im Gedicht ‹Seespinnen› unzählige Krabben über Seegraswiesen herfallen und sie kahlfressen würden, sorgte nicht der Stechrochen für ein ökologisches Gleichgewicht, indem er eine Krabbe nach der anderen verspeist. Trotz des biologisch ausgeglichenen Abhängigkeits- und Beziehungsgefüges, hofft das lyrische Ich in seiner Doppelfunktion auch als erzählerisches Ich, dass sich die eine oder andere Krabbe in Sicherheit bringen kann.
Die Seespinnen stieben auseinander, / wie verzweifelt suchen sie zu entrinnen; die / eine oder andere wird sich retten können, / hoffe ich.

Mit diesem Hoffen wird für einen Moment die Dichotomie von Natur-Mensch überwunden, indem das lyrische Ich einen engen Bezug zum Kreatürlichen herstellt. Des Weiteren erfahren wir von Seepferdchen, die Deckung im Tang suchen und lesen von Clownfischen, Seedrachen, Fetzenfischen und Seenadeln, die durch ihre Kunst des Tarnens im Algenwald kaum zu sehen sind. Glühende Lava, Vulkangestein, feinster Sand, schimmernde Korallenriffe und weiss gefiederte Seeschwalben, die die Luft schneiden, sind weitere bildstarke Sequenzen.

Bringen uns die lauen Sommernächte einen Himmel voller Flimmerlichter, Sternen- und Andromedanebel nahe, lässt das Gedicht ‹So viel Baum› im dritten Teil bereits an kältere Monate denken. Die Autorin versammelt unter dem kahlen Baum mit seinen schwarzen Ästen, in die sie zwölf wachende Augenpaare projiziert, Blumen, Blüten, und Beete aller Jahreszeiten. Darunter könnte man ein Art Resümee verstehen, für das die Zeitabfolge zugunsten einer Allzeitigkeit aufgehoben wird und somit die Szenerie in ein surreales Bildnis verwandelt.
Mit dem Gedicht ‹Und nach dem Schnee› wähnen wir uns schliesslich im tiefsten Winter, wenn es heisst: es wachsen Bäume, es wächst / ein ganzer Wald – ich aber möchte gar nicht / mehr als ein paar Eisblumen vom Fenster / pflücken.

Auffällig ist, wie oft die Autorin Gebrauch vom Wort ‹so› macht, das allein in vierzehn der gesamten Überschriften vorkommt und als Stilmittel auch innerhalb der Texte Verwendung findet. Entweder leitet es eine noch nicht definierte Aussage ein, und weckt eine gewisse Neugierde, oder bekräftigt schlicht den Gehalt der betreffenden Registrierung. Um nochmals auf den Blocksatz zurückzukommen: Was hat es nun damit auf sich? Ist er bloss eine typografische Spielerei, oder ein Kunstgriff, der auf Vers und Sinneinheit verzichtet? Sicher ist, dass durch dieses Verfahren die eingegrenzten Textflächen, bzw. Gedichte zu formal gerahmten Wortbildern visualisiert werden.

Es handelt sich hierbei um keine traditionellen Naturgedichte, vielmehr um Prosagedichte, die das Phänomen der Natur ausmessen, wobei die eigenwillige Form für wohltuende Verwirrung sorgt. Nicht zuletzt sind sie als Wertschätzungen biologischer Eigentümlichkeiten zu verstehen, die im Spannungsfeld der Alltagshektik oft übersehen werden.
Dieser Lyrikband ist der gelungene Versuch, das in Augenschein zu nehmen, was wir für gewöhnlich ausser Acht lassen. Das geschieht hier mit einer poetischen Dringlichkeit, welche die Schönheit und die Wunder der Natur hervorhebt. Dies tut die Autorin überzeugend indem sie die Artenvielfalt und deren Lebensbereiche mit den Mitteln moderner Poesie zu einer einzigartigen lyrischen Bildkomposition zusammenfügt und metaphorisch auflädt, um vielleicht daran zu erinnern, dass auch wir biologischen Ursprungs sind.

PRO LYRICA Cornel Köppel  

* Bootes lat. = Bärenhüter

Ingrid Fichtner
‹So gegenüber› –
Die Reihe Bd. 49
Wolfbach, 2018, 80 Seiten,
Englische Broschur
ISBN 978-3-906929-04-0


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