Oliver Füglister

Rauschhafte Ernüchterung. Der Lyriker Oliver Füglister

Der Basler Lyriker Oliver Füglister, *1974, veröffentlicht mit seinem Gedichtband ‹Jahr dazwischen› atmosphärisch dichte und intensive Gedichte, die sich mit Themen wie Trennung und Armut auseinander setzen − und keinesfalls weg schauen oder die Gegenwart ‹poetisch› verklären.

Sein Gedichband ‹Jahr dazwischen› ist im Rahmen der Buchserie ‹PRO LYRICA Grundversorgung›, 2017 im Verlag PRO LYRICA erschienen. Die Buchreihe hat zum Ziel, neue und bisher ungehörte Schweizer Lyrik zu veröffentlichen. Darin finden sich schmerzhaft-radikale Gedichte – Absagen an die Liebe und an die Schweiz ebenso wie vehemente und skurrile Beschreibungen der Gegenwart.

‹Ich schreibe täglich mindestens ein Gedicht›, sagt Oliver Füglister und erklärt: ‹Das ist notwendig, sonst gehe ich kaputt.› Dabei ist es ihm wichtig, dass das Gedicht konkret und wütend ist. Schwache Gedichte, so Füglister, seien jene Gedichte, die sich in ‹alte Metaphern, abgeschmackte Album-Poesie und hermetische Literarizität› verlören und weder eine Existenzwut noch eine persönliche Betroffenheit fühlen liessen.

Füglister muss es wissen. Er ist seit bald drei Jahren Lektor bei PRO LYRICA, dem einzigen Verein der Schweiz, der sich konsequent und ausschliesslich der Lyrik verschrieben hat. Und als solcher sieht er so manches Manuskript von jungen oder erfahrenen Lyrikerinnen und Lyrikern. Seine poetische Haltung hat vor allem in den letzten Jahren eine radikale Reifung erfahren, dies auch vor dem Hintergrund persönlicher und existenzieller Krisen. ‹Mir ist erst viel zu spät klar geworden›, sagt Füglister über seinen Reifungsprozess, ‹dass sich meine Gedichte nur entwickeln können, wenn ich sie bewusst in den Austausch mit anderen Lyrikern einbeziehe. Nur in diesem Hall-Raum gewinne ich selbst auch an Kontur und Schärfe.›

Wichtig für seine Entwicklung war vor allem der regelmässige Austausch mit dem Leipziger Lyriker Thomas Kunst (u. a. Gewinner des Meraner Lyrikpreises 2014). Kunst, erzählt Füglister, sei in seinen Rückmeldungen immer ‹ganz radikal, fast brutal› schonungslos. Obwohl manchmal frustriert, habe er in letzter Zeit mehr positive Rückmeldungen von Kunst erhalten. Dieser habe ‹einfach ein sehr modernes, ungekünsteltes Lyrikverständnis› und grenze sich immer wieder bewusst von der ‹zeitgenössischen Germanistenlyrik› ab. Dass er jetzt an diesem Punkt sei, einen Gedichtband zu veröffentlichen, verdanke er sicher diesem Ansporn oder wie er sagt, ‹dem Stachel des Weiterkommenwollens, dem Gefühl, noch nicht genug geblutet zu haben›. Kunst selbst hat nach der Lektüre von Füglisters Gedichten geschrieben: «Ich verfolge die Gedichte von Oliver Füglister seit vielen Jahren. Endlich ist das eingetreten, worauf ich ihn immer versuchte, dezent hinzuweisen. Allein unsere Existenz bestimmt den Grad unserer Ernüchterung. Früher hatten seine Texte immer viel zu viel Gepäck dabei – Fussnoten aus benachbarten Bildungstraditionen, Zitate, autoritäre Verständnis-Schlichtungen und Ähnliches. Endlich schreibt Oliver Füglister so, dass Existenz und Dichtung eins werden, ohne Beiwerk und Kenntnisgeglitzer. Wenn ich von ihm diese Wendung lese: ‹Jedes Zucken ihrer Mundwinkel / konnte die Zukunft skalpieren›, dann weiss ich, dass er auf dem besten Wege ist, von anderen gehört zu werden.»

‹Jahr dazwischen› – das kann ein Jahr der Trennung sein, womöglich der Selbst- und Neufindung. Es kann ein Jahr der verletzten Gefühle sein, des inwendigen Aufruhrs oder, im Gegenteil, des Sichabfindens. Alles geht vor die Hunde: Das lyrische Ich sieht sich dem Wellengang aus Bissen und Rissen ausgesetzt, wird nächtens heimgesucht von der Übung im Ertrinken.

Oliver Füglisters Band ‹Jahr dazwischen› ist allerdings viel mehr als nur der Abgesang einer Beziehung. In ihrer assoziativen Sprachkraft halten die Gedichte dagegen. Die Verse sprechen zwar vom Verlust, gehen aber über den individuellen Befund weit hinaus. Sie beschwören Naturbilder ebenso wie sie mit Medea und Jason mythologische Figuren zum Beispiel nehmen. Wer den Mangel kennt, kann dichten. Abgesang und Gesang gehen voll Rhythmus ineinander über. ‹Ich habe schon lange nicht mehr gesprochen, vermutlich noch nie.› Die kritische Selbstbefragung des lyrischen Ich ist eingebettet in die Sprachreflexion. Aus ihr erwächst die Gegenbewegung, hebt sich aus dem Unentschiedenen in die Zukunft weisend das dichterische Wort. Das ‹Jahr dazwischen› wird zur existenziellen Schwelle, auf der sich neuer Spielraum erschliesst.

Michaela Didyk, Literatur-Coach und Leiterin des Unternehmens Lyrik, zum Autor: «Er hat nie als Mittelalter-Historiker gearbeitet. Viele Jahre diente er den weltlichen Bedürfnissen von Wachstum und Profitmaximierung. Nach einer Auszeit als Hausmann entschloss er sich, seine Liebe zum Glauben und zu Kindern und Jugendlichen in einem neuen Tätigkeitsfeld auszuleben – auf dem Gebiet der Religionspädagogik. Im Rahmen seines Studiums arbeitete er in einer Aargauer Pfarrgemeinde in der katholischen Diaspora. Seit Jahren publiziert er auf seiner Homepage Gedichte und monatliche E-books. Füglister ist der Verfechter und Erfinder des ‹Viertelstundengedichts›, passionierter Lektor und lyrischer Animator.»

Im Internet: faime.ch; Angaben zum Buch Oliver Füglister: ‹Jahr dazwischen›, Gedichte, PRO LYRICA ‹Grundversorgung›, 2017, ISBN: 978-3-907551-53-0, CHF 24.90

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