Vergleich

Die Konjunktion ‹wie› ist ein magisches Wort für Autoren, und weit mehr noch für Lyriker. Das Vergleichen ist ein gewohnter und gewöhnlicher Prozess der Alltagssprache (hungrig wie ein Bär, grunzen wie eine Sau, lächeln wie ein Wolf, blicken wie ein Fisch). Für den Lyriker jedoch eröffnet das Wie einen Spalt in der Realität, aus dem er Möglichkeiten zu zaubern versteht (verstehen muss?). Dies ganz nach dem berühmten Satz Lautréamonts, den die Surrealisten verabsolutiert haben: ‹schön… wie die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Operationstisch›. Auch Kinder begeistern sich an der harmlos scheinenden Konjunktion: ‹Es war einmal ein Pferd wie ein Bieber.›

Der Vergleich ist ein Analgetikum, das den Schmerz (an) der Realität in gewisser Weise verschiebt oder in einen andern Zustand überführt (s. Metapher). Dieser Zustand, von Joyce lange als ‹Epiphanie› verstanden, ist die eigentliche Form lyrischen oder literarischen Sprechens, eine Form der Bewusstseinserweiterung, die im besten Falle zur Erkenntniserweiterung führen kann.  OF

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