Volkslied

Alles von Menschen geschaffene ist künstlich. Das Volkslied, ganz und gar der romantischen Idee vom Volkskörper als Ursprung echter Empfindung und echten Denkens verbunden, ist da keine Ausnahme. Genauso wie die Grimm-Brüder in ihre Märchen redigierend, glättend und harmonisierend eingriffen, um es dem Biedermeier recht zu machen, genauso haben auch Brentano, Achim und Konsorten ihre Zungen nicht von den Inhalten ihrer Liedsammlungen lassen können.

Doch soll uns das nicht kümmern: das Volkslied erträgt alles – eben doch unverwüstlich, es kann verspottet oder verballhornt, verbessert oder verdorben werden, es lebt gerade im Vortrag selbst, in seiner Dauer ‹im Volk›. Denn welcher Vater hat seinem Kinde nicht schon Volkslieder vorgesungen und diese für das Kind variiert oder mit neuem Text versehen?

Abschliessend könnte man folgern, dass das Volkslied in der Ausübung, in der Anwendung dank seiner Anonymität und Wandelfähigkeit eine Überlebenskraft beweist, die manchen Dichter vor Neid erblassen lassen dürfte.  OF

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