PRO LYRICA FORUM VOR ORT BERN

VON DER SEEROSE ZUR WEISSEN ROSE |

HAIKU-DICHTEN MIT PETER RUDOLF |

PRO LYRICA FORUM VOR ORT IN BERN 29.5.2021, KIRCHGEMEINDEHAUS PAULUS |

alle Fotos © 2021 Rolf Zöllig  CC BY-NC-ND 4.0

KURZBERICHT VON MARION PANIZZON |

In Bern kamen am 29. Mai 2021 ein knappes Dutzend Autoren zum ersten Forum vor Ort nach den Corona-shutdowns zusammen. Zum Thema Haiku leitete Peter Rudolf, Vorstandsmitglied in der Deutschen Haiku-Gesellschaft und aktives PRO LYRICA-Mitglied, gleich mit einem Haiku Flandrinas von Salis, vielleicht die Haiku-Pionierin der Schweiz, aus dem Jahr 1955; ein:

Seerosenwunder,
rein auf moosigem Nass erblüht,
Frieden, weltentrückt.

– und gleich war die Neugierde geweckt. Die Teilnehmenden öffneten sich seerosengleich und aktivierten ihre lyrischen Ressourcen dank Peter Rudolfs behutsamen Anleitungen, gepaart mit Inhaltsvermittlung sei es zum Wandel der Symbolik in den Haikus von der Natur zur Politik oder zur Auflösung in deren strengen Form. Verhaltene Begeisterung und Skepsis wurden auch geäussert. Artur Gloor sei dem Haiku in seiner Arbeit für die Berner Gedichtbände für Berner Schüler und in seiner Arbeit ‹ausgewichen›, während James Mayr Schüpbach einen Bezugspunkt im Haiku für sein experimentelles lyrisches Schreiben ‹writing the natural way› sieht. Paul Bernard fand seinen Weg zu den Haiku über die Photographie. Peter Rudolf gibt zum Bedenken, dass die Haltung und nicht die Form den Haiku zum Haiku macht. Beispielsweise sei der Haiku eine Art Wohlfühloase inmitten des hektischen japanischen Alltags, der keine äusseren Erholungspausen wie freie Samstage und Sonntage kennt. In diese Lücke tritt der Haiku mit seinen rätselhaften Naturbeobachtungen, der seerosenteichgleich unsere innere Befindlichkeit spiegelt bevor der Vers das Gefestigte wieder freigibt.

Unter den Teilnehmenden entfaltete sich sodann eine angeregte Diskussion um die Frage, ob es der japanischen Haiku Tradition um das Bewahren eines Inhaltes, einer Frage geht oder ob der Haiku dazu anleitet, sich zu öffnen für den Zeitenlauf oder ob es mit Chronos bei den alten Griechen um das Stiften einer Ordnung geht. Die Frage des Ordnens beschäftigt Cornel Köppel bei Haikus und er stellte die These in die Runde, ob Haikus denn nicht mehr und nicht weniger seien, als ein Aneinanderreihen von Fakten, ohne Wertung ohne typographische Hierarchie und Struktur. Über diese Fragen zur Interpunktion, also der Frage ob Haikus mit Marginalien oder Versalien einzurahmen sind, ob ein Punkt den Haiku schliessen sollte oder ob dadurch dem Haiku seine Unvoreingenommenheit und Auslegungsspielraum genommen wird, gelangten wir zum zweiten Thema des Tages in Bern, den politisch aktiven und kultur-orientierten Haikus.

Peter Rudolf stellte seinen neuesten Haiku-Gedichtband zu Sophie Scholl und der deutschen Widerstandsbewegung der Weissen Rose vor, der sich an die japanische Tradition anlehnt, über den Haiku den Atombombenabwurf von Hiroshima die Vergangenheit zu verarbeiten. Heftig post-kolonial und divers analysiert wurde dann der Haiku (Gérard Dumon, übersetzt aus dem Französischen):

Dorffest
Der Sohn ist gut angekommen
Bei den Weissen

Ruth Weber-Zeller ortet eine gewisse Ratlosigkeit aber auch ein Überraschungselement in diesem Haiku, für welchen Cornel Köppel dann meint, das Haiku sei da, um der Überraschung eine Form zu geben und anzuregen. Nicht belehrend, wie Peter und James einwerfen, soll der Haiku sein, sondern beobachtend, Erkenntnisse gewinnen und sich dabei auf eine lange Tradition an Erkennungszeichen stützen, von der Seerose zur weissen Rose sozusagen. Das typische am Haiku sei eben das Schichten, eine Struktur aus mehreren, emotionalen, typographischen, analytischen Ebenen, eingeführt über einen Titel, einem Rätsel, das die letzte Zeile auflöst.

Flandrina von Salis’ humorvolles Haiku weist auch die Diversität und Möglichkeiten, die dem Haiku innewohnen:

Auf dem Holzbänkchen
Eine Bierflasche
Nach Gebrauch versetzt …

Nach der Mittagspause überreichte Peter Rudolf allen TN einen Karteikasten mit Haiku-fragmenten und wurden aufgefordert daraus 8 Haikus zusammenzulegen. Diese individuelle Projektarbeit mit anschliessender Gruppendiskussion sorgte für eine steile Lernkurve. Nora Dubach wunderte sich über die letzte Zeile der Haikus und stellte die schwierige Frage, ob diese ein zusammengesetzes Wort wie die berühmte Kirschblüte, Buchweizenblüte, Seerose sein sollte, oder ob es auch ein ein Vers wie ‹keine Dinge› sein darf. Peter Rudolf konnte seine Lernziele des Tages überprüfen und die TN waren aufgefordert aus ihren üblichen dichterischen Gewohnheiten auszusteigen. So unterhaltsam die Gruppenübung für uns war, so rasch merkten wir, wie weit der Weg zum guten Haiku ist.

Am Schluss des Tages konnte Peter Rudolf sich bestätigt sehen, dass unsere Empfindungen für Haikus sensibilisiert worden waren. Unsere Sensorien für Interpunktion waren wach, unsere Seele angereichert um eine neue Symbolik. Wenn ich abends meiner Tochter, die halbtags bei den Kaffeepausen mithalf, erzählte, wie der Tag zu Ende ging, konnte ich mit Horst Ludwig sagen:

Mein Töchterchen fragt,
was ein gutes Haiku sei:
Weisse Kirschblüten.

Marion Panizzon

 

Nachtrag Peter Rudolf

Das Üben (= selber Haiku schreiben) kam leider gar nicht zum Zug am Samstag in Bern. Zudem ging das Eigene-Gedichte-Vorlesen unter. Deshalb biete ich dieses eine allen Mit-Lyrikern an: Schick mir deinen Text, deinen Dreizeiler, wenn du magst – ich werde versuchen, ihn behutsam anzuschauen und behutsam ein individuelles Feedback zu geben.

Quellen:
Flandrina von Salis: Mohnblüten, Abendländische Haiku, Vereinigung Oltner Bücherfreunde 1955
Gérard Dumon, in: Sommergras, Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku-Gesellschaft, Nr. 109 Juni 2015, S. 43
Horst Ludwig, zitiert in: eXperimenta, Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Nr. 03/2021 ‹Haiku›, S. 57.

Hier kannst du noch ein kleines Paket Unterlagen zum Thema Haiku, zusammengestellt von Peter Rudolf, herunterladen.

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