Zeilenfall

In der Prosa werden die Wörter durch den Blocksatz, den Flattersatz oder den Mittelachsensatz über die Zeilen oder Linien eines Buches gejagt und fallen willkürlich oder entsprechend ihrer Länge über Zeilen. In der Lyrik ist der Zeilenfall ein Akt des Willens; sehr selten jedoch ein Akt des Zufalls. Die Wörter werden als solche nicht auf das Papier fallen gelassen, sondern bewusst gefällt. Wie Reisig knistern ihre Konsonanten und Vokale im Fall und hinterlassen manchmal sogenannte Zäsuren als Spuren. In der Moderne ist der Zeilenfall, da häufig in freien Versen und freien Rhythmen gedichtet wird, eines der wenigen Stilmerkmale des Gedichts geworden. In gewissen Lyrikschulen werden Wörter willkürlich und bewusst über das Zeilenende gestossen, sogar entgegen aller syntaktischer oder grammatischer Regel. Man könnte diesen Akt ein Aufbegehren gegen die Sprache nennen, wenn es ihn nicht adelte; er ist für viele Leser ein Schrei um Freiheit und — Aufmerksamkeit um jeden Preis. Ein Werbegag sozusagen: Schaut her, ich falle… weich ins Nest der gelinden (Gleich)gültigkeit.  OF

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