Zwischensichtung | 22.02.2021

NEUE GEDICHTE IM PRO LYRICA ONLINE FORUM |

Ly Vuong |

Letztes Jahr: Beim ersten Lockdown tat’s noch weh, beim zweiten Mal nicht mehr so sehr. Wie reagiert Lyrik auf einen Virus? Gibt es Immunreaktionen? Denken, Betrachten, Beschreiben, Lieben, Hoffen – sind das die Grundinstinkte des Menschseins? Vielleicht. Möchten Sie widersprechen? Möglich. Warum trennen wir das Sein in Kategorien? Lesen Sie 14 Interpretationen zu 14 ausgewählten Gedichten im Zeitraum von zwei Monaten (Januar bis Februar 2021) aus dem Online-Gedichteforum von PRO LYRICA und bilden Sie sich selbst eine Meinung.

Justin Koller setzt seinen Sinnspruch ‹Das Unsagbare soll zur Sprache finden› neben einem Bild, das an den Turmbau zu Babel erinnert. Eine Forderung, wörtlich explizit kühn und bildlich implizit an Demut ermahnend. Das eine sagen, das andere malen. Die Wahrheit liegt dazwischen: Das Tao, das du nennen kannst, ist nicht das Tao. Du sollst dir kein Bildnis machen!

Das Gedicht ‹Setz deinen Hut› von Peter Rudolf arbeitet mit experimenteller Sprache, Metaphern und Chiffren wie etwa in diesen Zeilen: ‹Setz deinen Hut auf / und wandere, unterwegs / scheinen Sonnen viel› und ‹setz deinen Hut auf / und tanze den Rhythmus der / ziehenden Wolken›. Es kann stehen für ein Leben, für einen Tag, für eine Begegnung – in allem behält man die Contenance.

Der Titel allein würde an eine TV-Sendung erinnern: ‹Die letzte Rose› von Drita Beqiri. Können aber gescriptete Tränen einen Boden rot färben? Finden Sie die Antwort selbst in den gefühlvollen Zeilen Beqiris: ‹Es hat die ganze Nacht geregnet / auf die letzte Rose des Sommers / […] / Der Wind wehte und / alle Blütenblätter fielen zu Boden. / Rot wurde die Erde. / Eine Wunde öffnete / sich in mir›.

Auch Marianne Mathys Gedicht ‹Vor dem Kamin› zeigt zu Jahresbeginn Wehmut: ‹die liebe glut / sich genügsam / in der erinnerung / vermisst›. An der Glut kann man sich sehr wohl noch die Hände wärmen. Aber wenn man diese selbst in der Erinnerung vermisst, welch Winter ist das?

‹Bei den Kannibalen in Essen› von Peter Willemse liest sich lustig. Doch sollte man sich nicht verschlucken beim Lachen, denn ‹spurlos verschwand zwar mal ein Esser / man sagte dann ‹zu viel Wein / getrunken, zu nah am Rhein›…/ der Rhein aber, der wusste es wohl besser›. Wie so oft sind Bericht und Realität, generell und konkret nicht dasselbe und bilden doch ein Wortpaar.

Beschäftigt sich Dieter Langhart im ‹Stockwerk› mit Fragen des Alters? Sein Vorsatz: ‹gehst du dann am stock, / versteif dich nicht›. Der Mensch soll sich nicht mit seinem Behelf verwechseln. Maschinen erleichtern unseren Alltag, sie spiegeln Eigenschaften des Menschen wider, doch keineswegs sollten wir uns ihnen umgekehrt anbiedern!

Klagen wir moderne Menschen nicht zu oft klischeehaft über Oberflächlichkeiten? Dies kehrt Regina Alig-Barfuss in ihrem Gedicht ‹Unterirdisch› mal um: ‹Hast du gewusst / dass unter der Erde / ein Labyrinth von / Strassen und Tunnels / sich auftut / und einlädt / zu ruhigem Wandern durch einsame Gründe / […] sprachlos / gezeichnet / vom Wandern und Irren im lichtlosen Wirrwarr›.

In diesen Tagen wird die Gerechtigkeitstheorie des Schleiers des Nichtwissens von John Rawls wieder aufgewärmt. Katharina Widmer macht ‹Im Silber Grün Grau Tal der Auen› auf einen Aspekt aufmerksam, der technisch und real nicht einmal unmöglich umzusetzen wäre, kurz: ‹Gerechte Zukunft ein grosses Wort / Jeder braucht einen Lieblings Ort / Hoffnung eben›.

Der Titel Feuerzungen (‹Tongues of fire›) von Ly Vuong erinnert an Pfingsten, wo die Jünger den Heiligen Geist empfingen. ‹While your tongue was still fire in my mouth, / I closed my eyes / to keep yours›. Mit den Augen eines Andern sehen, kann Liebe sein. Die Prophetin wird erst sehend, als sie ihr Augenlicht verlor. Oder wie der kleine Prinz sagt: Man sieht nur gut mit dem Herzen.

Sehen und Beschreiben. ‹Anblick von heute›. Ruth Webers Notizen aus Alltagsbeobachtungen geben uns Einblicke in metaphorische Psychologie. Die Poesie entsteht im Auge des Betrachters: ‹Aus einem Haus schleppen zwei eine Matratze, der Stoff vom Blau, wie es Himmel sein können. […] Trocken ist die Luft allemal und der Himmel erblasst. Die Schuhe sind aus Stoff. Ein Segel ist nicht zu sehen.›

Wenn der Spiegel mehrfach bricht, gibt es mehr als ein Spiegelbild. ‹Ich schwanke› von Marco Berg sind Selbstbildnisse in Zeiten der Kontemplation. ‹Ich schwanke am Fuß meiner Füsse›. Wenn die gesellschaftliche Natur auf einmal nicht mehr selbstverständlich ist, wird auch das gesellschaftliche Ich mit ihr hinterfragt. Ist es Zeit für einen neuen Dreh im Kaleidoskop?

Mit einem Archiv verbinden wir bewusstes Aufbewahren für die Zukunft. ‹Im Archiv› von Sonja Crone allerdings verlassen wir das lineare Denken: ‹der Panther ist erwacht / hat seinen Käfig verlassen / weckt mit dem Gebrüll / die Toten die uns ungezügelt / von der Vergangenheit / berichten – wir sehen / und hören alles›. Ein Zustand der Erleuchtung?

Sind Worte Luft? Sie entstehen durch Artikulation des menschlichen Körpers. Gerade in Zeiten von Corona spielen selbst Aerosole eine eminente Rolle. ‹Luftwörter› von Pia Strub-Hubli sinniert über viel Lärm um nichts: ‹Luftschlösser bauen in solchen Zeiten neue / Fundamente›. Nichts ist eben mehr.

Ist ‹Abwurf› von Oliver Flüglister ein Liebesgedicht? Mit konkreten, technisch adjustierten Wörtern bereitet der Dichter ein Feld vor: ‹Und komme dir entgegen / Ein letztes letztes Mal / Barfuss in der Luft und dann / Betätige ich den Schalter›. Das kann nur ein Engel: Barfuss in der Luft – oder der Mensch auf einer Fläche?!
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Ly Vuong
Ly123@hotmail.com

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