Christoph Sutter

Carte Blanche 2014/12 von Christoph Sutter
© 2014 by stoeff.sutter@bluewin.ch

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ANSCHAUUNGSSACHE

Zum Opti- sagt ein Pessimist,
dass alles für die Katze ist.
Da meint der Optimist, der scheue,
dass das die Katze aber freue!

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GLÜHWURM

Der Glühwurm sprach bei sich zu Haus:
‹Mein Gott, seh’ ich heut blendend aus!›
Der Wurm war stolz und gab sich Mühe
auf dass er immer stärker glühe.
Von morgens früh bis abends spät
hat er sein Licht stets aufgedreht,
bis er sich für die Quelle hält,
die seine Welt rundum erhellt.
Doch eines Tages – welch ein Graus! –
da bleibt sein Leuchten gänzlich aus.
Der Glühwurmdoktor hat erkannt:
‹Du hast Burn-out, bist ausgebrannt!

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GESCHAFFT

Ich sprach mir einen Orden zu,
als ich um Acht nach Hause kam.
In selbstzufriedner, innrer Ruh
ein Bier ich auf den Balkon nahm.
Die Sonne schien mir ins Gesicht,
den ersten Schluck trank ich im Stehn.
Was ich heut schuf, schafft mancher nicht…
Was ich heut tat, das lässt sich sehn…
So blickte ich zum Firmament,
im zwölften Stock, mit meinem Bier
und sprach so manches Kompliment
in ehrfurchtsvollem Ton zu mir.
Da plötzlich traf mein Auge sie:
die Schnecke an der Hochhauswand.
Verflogen war die Euphorie:
Auch andre leisten allerhand…

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DAS GESCHENK

Ich war alltagsbrustgepresst
durch den ganzen Tag gestresst,
hatte das Geschäft getopt
und für andre gut gejobt…
Zwar so manchen Frust geschluckt,
wohl berechnend mich geduckt,
reagierte generell
ich des tags professionell.
Wie ich durch die Haustür schritt,
lief mein Alltagsärger mit
– und er schlich mit mir geschwind
in mein Heim bei Frau und Kind.
Ich wollt’ Ruhe, nichts als Ruh,
setzte mich zu meiner Crew
– sorry: der Familie – hin.
Ganz woanders war mein Sinn.
Meine Tochter bot mir Halt,
als sie kaum fünf Jahre alt –
mit der Schachtel in der Hand
herzlich lachend vor mir stand.
Hier! Das ist für dich, Papa!
Als ich das Geschenk besah,
nichts in jener Schachtel fand,
zuckte mir gereizt die Hand…
Und ich rief mir schien’s mit Mass:
Jessica, was soll denn das?
In dem Päckchen ist nichts drin! –
So hat Schenken keinen Sinn!
Weinend hat sie reagiert,
arg enttäuscht und wohl frustriert:
‹Papi, schau genau hinein.
Drinnen müsten Küsse sein!
Seit du fort gegangen bist
und dich in dem Büro plagst
habe ich hinein geküsst,
weil du meine Küsse magst…

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IN DER SAUNA

Ob finnisch oder türkisch sitzend,
es sind die Saunagäste schwitzend
schön aufgereiht, so nackt wie still,
als wie die Hähnchen vor dem Grill.
Da plätzlich merk ich beim Betrachten
der Tropfenden, die mit mir schmachten,
warum der Schwitzraum Sauna heisst:
der Nachbar sitzt sau nah, zumeist…

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SEKTEN

Der Frosch sprach einst zu Mücken:
‹Lasst uns dem Sumpf entrücken!
Ich kenne eine bess’re Welt!
Und wenn Ihr Euch zu mir gesellt
und mich als Euren Guru seht,
– die Welt Euch, Brüder, offen steht!
Worauf die Mücken Zungen streckten…
Na ja, sie waren schon In-Sekten!

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DER LETZTE TANZ

Im lauen Frühjahr einst geboren
hingst, grün weit über deine Ohren,
du einfach rum, die ganze Zeit
und machtest dich genŸsslich breit.
Du warst, wie viele Hänger sind,
ein unbeschriebnes Blatt im Wind
und wipptest an dem Nahrungsstrang
mal hin, mal her, den Sommer lang.
Doch all dein wilder Sommertanz
befreite dich nie wirklich ganz
aus deiner Zwangsverbundenheit.
Du brauchtest deine Reifezeit.
Erst wenn du jetzt im kühlen Herbst
dich leise-weise selber färbst,
verleihst der Welt du deinen Glanz
und wirst bereit zum letzten Tanz.
Ein Windstoss startet sanft den Traum.
Er läst dich ab von deinem Baum,
von deinem angestammten Sein
und führt dich still ins Weggehn ein.
Es ist ein Tanz, kein Niedergang.
Du freutest dich den Sommer lang
auf diesen kurzen Augenblick:
den letzten Tanz durchs Freiheitsstück.
Und moderst du in Zeitlaufs Sinn
als Laub am Boden nun dahin,
so ruht er stets in dir, der Glanz

‹Carte Blanche› ist ein Angebot von Pro Lyrica. Hier stellen sich Lyrik-Autorinnen und Lyrik-Autoren für die Dauer einiger Monate mit Arbeiten vor. Sie möchten hier publizieren? Senden Sie eine Anfrage an: sekretariat@prolyrica.ch

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