Adèle Lukácsi Sommerlust

Dienstag, 29. März 2011, Schaffhauser Nachrichten
Lesung Adèle Lukácsi in der ‹Sommerlust›

Poesie ‹Auf Lyras Flügeln›

Worte sind für sie wie Instrumente, die sie zum Klingen bringt. Worte werden aber auch selbst zu Tönen, bedeutungsschwanger oder sich flüchtig in der Anspielung verlierend, narrativ oder nur skizzierend. So lernt man die seit 1961 in Schaffhausen lebende Adèle Lukácsi in ihrem neusten schmalen Bändchen mit dem Titel ‹Auf Lyras Flügeln› kennen. Es sind Gedichte, Prosatexte und erstmals auch Haikus und Tankas, jene japanischen Kurzlyrikformen, die streng und mathematisch genau Zeilen-, Wort- und Silbenzahl vorschreiben. Im formalen Puzzle-Wortspiel (Lukácsi: ‹Es war für mich wie das Lösen einer SudokuAufgabe›) erhalten Haikus beziehungsweise Zweizeiler aphoristischen Charakter, andere Kurzgedichte werden zum im Raum der Gefühle schwebenden Gedankensplitter. Aber stets entwickeln die poetischen Miniaturen so etwas wie Klangeffekte.

Der Bezug zur Musik kommt nicht von ungefähr: Adèle Lukácsi ist ausgebildete Sopranistin und hat, neben ihrem bürgerlichen Beruf als Fremdsprachenkorrespondentin und Direktionssekretärin, immer wieder Konzerte gegeben. Auch ihr erster von nunmehr sieben Auftritten in der Kulturgaststätte Sommerlust war ein gesanglicher gewesen, und bei ihrer jüngsten Lesung am gleichen Ort vom vergangenenFreitagabend (sie trug aus ‹Auf Lyras Flügeln› und aus früheren Veröffentlichungen vor) stellte sie das Wort ‹Musik ist die Brücke zum Licht› an den Schluss … schritt zum Flügel und spielte – mit viel Pedal und auf sphärische Wirkung bedacht – Robert Schumanns ‹Träumerei›.

Man darf behaupten, dass der von Adèle Lukácsi aus hochkonzentrierten Worten geformte Sprachklang wie eine gute Melodie nicht bloss Emotionen wecken, sondern Tiefgründiges an die Oberfläche bringen will, wo es mit unseren eigenen Erfahrungen und mit unseren Sinnen fassbar wird. Das gelingt ihr auch bei den längeren Gedichten und bei den Prosatexten, die ihre jüngste Veröffentlichung zum abwechslungsreichen ‹Gruss den Wand’rern durch die Zeit› machen, wie das Motte des Bändchens lautet. Das Taschenbüchlein (es ist im Berliner Frieling-Verlag erschienen) enthält Illustrationen des Schaffhauser Grafikers und Zeichners Otto Spalinger. Es sind manchmal sehr direkte und konkrete, dann auch wieder symbolische Umsetzungen des thematischen Hauptgedankens eines Gedichtes, eine Art zum Bild gewordene Initiale vor jeden Text. Die Zeichnungen lockern die Seiten des Bändchens zu einem luftigen Erlebnisraum auf und verleihen der da und dort vordergründigen Sinnschwere der Texte jene Flügel des antiken Zupfinstruments Lyra, auf der die Poetin im Umgang mit der Sprache und mit ihren Gedanken spielt.

Martin Edlin


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