Carte Blanche 2018/01 von Gisela Salge
© 2017/2018 by Gisela Salge 

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Terror

Kaum verweht
die Frühlingspollen
reifen schon die
nächsten im
duftenden Gras
verüben Anschläge
auf sonnenhungrig
nackter Haut
unschuldige
Terrorwinzlinge

Die fremdfreundlichen
Nachbarn grüssen lächelnd
am Strand im Bus
brauchen keine Jahreszeit
ein Codewort nur
und sie werden
zu lebenden Bomben

Wir sind anfällig geworden

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Zeit

Das Geplapper
der Uhr
jeden Tag neu
Sekundengeflüster
Minutengeschwafel
Stundenschlagworte
nicht hinhören
einfach plaudern lassen
kommen
die richtigen Worte
steht die Zeit still

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Grenzgang

Raschelt Laub beim Grenzgang
wispert flüstert knistert
mit jedem Schritt
War ein buntweiches
Bett damals im
kindlichen Spiel

Jetzt –
der Blick ins Grenzland
Unter Eichen und Buchen
wieder das Laub
Über behauenen Steinen
schwebt die Frage
Seid ihr noch da
und ruht ihr gut? 

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Am Vorderberg

Sonntagnachmittag
Stimmen im Haus
die Frau das Kind
Geschirrgeklapper
Grossvater nickt im
Nussbaumschatten
Vor dem Holzstoss
frisch gescheitet
scharren Hühner
Duft von Salbei
aus dem Garten
Ein Milan jetzt zwei
kreisen ohne Flügelschlag
hoch im Blau
Am Zaun scheppert
leise das blecherne
Willkommensschild

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Widerspruch

Föhn rast
durchs Dorf
jagt zerfetzte
Federwolken
am lichtblauen
Winterhimmel

Im Nacken brennt
Mittagssonne
Der Mantel
nur ein Schutz
im Eisschatten

Am Hang wichteln
Gänseblümchen
unterm
rotleuchtenden
Weihnachtstern   

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Erster Gruss

Nebeltücher
schweben im
Novemberlicht
zwischen Herbst
und Winterland
Birkengold und
Ahornblut leuchten
aus dem Immergrün
der Blautannen

Schnee wird kommen
weisselte schon
die Felsen über
der Waldgrenze –
ein erster Gruss
zwischen den Zeiten

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Bald gras ich …

Lieder auf dem Weg
durch Lebenszeit

Drehen Drängen Hüpfen
Springen Schwingen
Stampfen Stossen

Ländlerfest

Schrille Jauchzer
leichter Walzerschritt
Im Hintergrund Herzschlagtakt

Blick zurück auf gestapelte Jahre
irrlichternd durch Zeitlosigkeit
wird sich wenden was war was ist

Fanfarenschrei

Wohin seid ihr gewandert Freunde
wortlos fort ohne Zeichen
Wo habt ihr eure Namen hinterlegt
die eben noch durchs Efeu schimmerten

Arges Herbstlaubweh
Um Mitternacht

Aus Jenseitsland
pfeift die Beinflöte

Will nicht
wehr mich
zähl Schritte
warte
verweigre
die Hand
den Blick
das Ja

Hör leis von fern
Ewig … Ewig …

Bald gras ich …
reih ich mich ein
geh ich
tanz ich
sing ich mit euch
Aufs neu!

Gustav-Mahler-Jahr 2011 9/2

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Neujahrsgruss

Schneegnädiges Weiss
bedeckt
das alte Jahr
auf sanften Hängen
bis ins Tal
Vergessene Verse
einst Schrittmacher
sonniger Tage
ruhen
reifen
schlagen Wurzeln
im neuen Jahr  

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Erinnerungen IV

Strassen
die am Horizont
zusammenlaufen
in einem Punkt
Im Alter
führen sie
zurück in die
Kindheit – 
Fluchtpunkt
in der Perspektive
eines Lebens

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Erinnerungen I

Immer mehr Gesichter
die sich nicht verändern
nicht älter werden
allenfalls jünger

Als uns das Leben
noch lang war
lachten stritten
feierten wir
an Tischen
die längst abgeräumt
in Gärten
die nun überbaut
zum Weisst-du-noch wurden

Namen verschwinden
in zeitlosen Nebensätzen
Es werden immer mehr
Erinnerungen

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Hinter der Zeit

Hinter der Zeit
seid ihr Viele
geworden
Nahmt eure
Wegstücke
aus meiner Spur
die schmal wird
Ein Pfad
von dem ich nicht weiss
wann er enden
wie und wo er
neu beginnen wird

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Dafürgegen

Mensch
jetzt warte doch
verwirf nicht gleich
den ersten Satz
hab nicht gleich
das letzte Wort

Methaphere durch deine Zeit
sei Fluss Lawine Sturm
strömend staubend stürzend
kaltfauchend vom Norden
warm aus dem Süden föhnend
sei mit der Zeit ein Teil der Zeit

Und dennoch Mensch
jetzt warte doch
bleib steh’n – sieh dich um
sei hier – hör zu
Morgen schon
kannst du bereuen
dass du gestern dafür warst
oder dagegen
oder meinungslos
mitgeschwommen bist
wirst so oder so oder so
nicht entkommen
letztendlich nur dich
drehen und wenden
um dich selbst

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Denk ich

Denk ich mal
einfach so
versuchsweise
aus Spass
ohne Gewähr
vielleicht kommt
was raus dabei
wenn ich
mal denke

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Loslassen

Loslassen
ganz leicht
nur loslassen
Leitlinien
Rücksichten
Menschlichkeiten
loslassen
frei sein
mit beiden Händen
unverbindlich
in die Luft
greifen
loslassen
fallen
ohne Stand
ins Bodenlose

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