Parnass

Im Musengezwitscher dein hoher Rücken olivenverhaint.

Hier in altgriechischer Mitte alle neun Künste ihrem olympischen Gebieter Apollon geweiht.

Am Fuße dieser Höhen kauert Delphi, orakel-versprochen,

diesen Künsten als dunkler Bodensatz mit einverleibt.

„Sage mir, oh Muse“-, sage, ob hier oder auf dem Helikon,

der Huf des geflügelten Rosses Pegasos, die Quelle Hippokrene gebar oder ob

der mythologische Umzug zu eben diesem zweigipfligen (manichäischen) Parnass

den Künsten eine neue, modernere (Wohnungs)Einrichtung verlieh –

hier die Kastalische Quelle frische Begeisterung und Dichtergabe schenkte.

Kämpfte hier und verwundete Apollon, der lichte,

die Schlange Python — nicht Pythia wohlgemerkt?

Strandeten hier Pyrrha und Deukalion nach der Sintflut?

Nach dir erhabenem Rückengrat benannte man Montparnasse in Frankreich

(die studentische Lyrikkolonie des 17. Jahrhunderts).

Viele Literaturmagazine tragen deinen Schriftzug.

Raffael widmete dir in eine Stanza des Papstes im Vatikan.

Sein Fresco — der „leiernde“ Apoll zwischen Epos (Kalliope) und Lyrik (Terpsichore) mit Sappho an seiner Seite… und einer geballten Entourage an (göttlichen) (Sprach)Artisten.

Bei Würzburg in Tietzens Rokokogarten der Musenberg inmitten von Wasser, sprudelnder Vieldeutigkeit.

Auf 2’455 Metern thront dein höchster Grat an Sprachmächtigkeit –

im Rilketon: „Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens…“

Parnass, Inbegriff der Dichtung, genius loci lyrischen Spiels und seines Existenzialismus!

Geh, peripatiere um den „Gradus ad Parnassum“,

der (die) Schritt(e) des Künstlers zur Vervollkommnung seines Werkes,

die Annäherung ans Unendliche.

Eure Heiligtümer, oh Musen, gipfelerstürmt, im museion verewigt,

hinter gläsernen Vitrinen (ne pas toucher) heute als Museumsgüter profaniert und

unter die Massen verstreut.

Ver-bergt euch hier oben, verschleiert eure Antlitze,

Töchter des höchsten Gottes und der Mnemosyne, der Erinnerung,

gedenkt der Sprache im Stillen, dem Wort, dem metaphorischen Impetus, dem Bild im Spiegel.

Ihr neun Geschwister verbeugt vor dem klaren Apollon ja –

aber wo bleibt eure Umarmung des Dionysos,

dem trunkenen, dem weinverliebten, dem brüllenden, ekstatischen Tänzer, wo

die dunkle – nietzscheanische – Referenz an die Auflösung des Logos,

das Lachen, den Humor, die abgründige Verzweiflung (v)erdichteter Sprachlosigkeit,

die jedem guten Vers sein Verlies verleiht –

und manchmal kettengesprengt neue Verfängnisse erschafft.

Wer stürzt aus diesen Höhen,

wer vereinsamt, bergverloren, schneebedeckt?

Helikon oder Parnass!

nimm dein Geröll,

die mäandernden Pfade,

die unterirdischen Quellen, Bäche,

das flippernde Echo versprochener Enantiomere und

trag´s in die/mit den Mühen der brechtschen Ebenen, unters Volk, dem hoi pollói zu.

(Der Autor dieser Zeilen bittet für den erhabenen Tonfall, der auch heute noch nicht aus dem 21. Jahrhundert ausgetrieben werden zu können scheint. Er hofft jedoch auf Nachsicht der Leser, da er sich bei der thematisch-adorierten-antiquierten Trope einfach mitreißen ließ und Pegasos mit den Flügeln schlagend mit ihm wohl durchgegangen ist. Er gelobt Zähmung).  JW

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