Kalender 2018

AUTOR:INNEN

2

ZERSTÖRTES LAND

Flachland
schwarze Föhren
das Land liegt brach
weithin zu hören
einsamer Bussardschrei
am Wegrand Gras
Schollen unzerkleinert
Furchen voller Spelz
Würger schwirrn von Strauch zu Strauch
Schnecken weiss, versteinert
in der Ferne
Ruinen

Elisabeth Mascheroni
aus dem Lyrikkalender 2018/12

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1

ERINNERST DU DICH?

Erinnerst du dich?
vor einem Jahr
fanden w ir zusammen
standen in Flammen
im Herbst noch
liessen wir Drachen steigen
und dann
ja doch
tanzten wir Reigen

vorgestern fiel Schnee
auf unsere Glut
gestern
sagten wir ade
Angst? Mut?

Elisabeth Mascheroni
aus dem Lyrikkalender 2018/12

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2

MIT ARMEN UND BEINEN

im wendekreis des schalentiers
falten sich monate in die jahre
altern bäume und umarmungen

noch geben sie etwas her
und das von kindsbeinen an

Cornel Köppel
aus dem Lyrikkalender 2018/10

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1

SCHLAF

ich liege wach
in diesem kleinen haus
ein leises atmen

nacht ruht sich aus
und ich liege wach
wie eine stadt

mit ihren lichtern
die niemals schläft
dein leises atmen

Cornel Köppel
aus dem Lyrikkalender 2018/11

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2

FREMD

Sei mal
normal
wie alle
— nicht sind.

Tu mal
genauso
wie alle
— nicht tun.

Fühl mal
dasselbe
das alle
— nicht fühlen

Sagst du
mir immer
— und siehst
mich gar nicht.

Sandra Matteotti
aus dem Lyrikkalender 2018/10

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1

DIE FREMDE IN MIR

Fern in Gedanken
und aus dem Blick,
wirft mich die Zeit
auf mich zurück.
Grabe mich tiefer,
stosse auf Stein.
Falle hinaus
und finde nicht rein.
Alles ist fremd,
so bin ich mir.

Sandra Matteotti
aus dem Lyrikkalender 2018/10
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2

Die fremde Wahrheit
einer Binse
borstig zugespitzt
ohne Knoten

Martin Kunz
aus dem Lyrikkalender 2018/9

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1

STATDRAND

Noch wo nichts ist
leben Altweltmäuse
Schattentiere
meines Gewissens

Martin Kunz
aus dem Lyrikkalender 2018/9

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2

KEIN ZURÜCK

Ein paar Sandkörner
in ausgetretenen Lederschuhen
erinnern an den lautlosen Flügelschlag
der schwebenden Möwe

perlmuttern schimmert die Sonne
durch halbgeschlossene Lider

Spätsommertag

Edith Saner
aus dem Lyrikkalender 2018/8

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1

NUR EINE SEITE

Er sprach
in schwarz-weiss
Die Zwischentöne
fielen zu Boden.

Edith Saner
aus dem Lyrikkalender 2018/8

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2

mein Gott! noch immerin
deinem Vaterland? geh,
besuch den Fremden

Peter Rudolf
aus dem Lyrikkalender 2018/7

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1

einer der wartet
dort – dort – dort – dort –dort – dort – da,
draussen vor der Tür

Peter Rudolf
aus dem Lyrikkalender 2018/7

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2

SAUL TANZEND auf eine Jazz-Melodie
sein Körper eingewickelt in die staubige Djellabah,
er schreitet die Stufen des Tempels hinauf
in seinem lederfarbenen Gesicht
glänzen die Augen
wie Sonne auf frischen Oliven.
Er schaut über die Hügel –
mit den blauen und rosa farbenen Nebeln
die Jerusalem einhüllen.
& Waltzing Mathilda.

Jacqueline Wolff
aus dem Lyrikkalender 2018/6

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1

HEIMKEHREN

Nochmal die Namen nennen
Nochmal an sie denken

Im Kopf sind viele Zimmer
viele Szenen bleiben übrig

Nochmal sie hören
die die man mit dem Namen
nicht mehr ruft.

Jacqueline Wolff
aus dem Lyrikkalender 2018/6

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2

Gedanken einsammeln
ausbreiten im Raum
Landkartenreisen
unbewegt beweglich
phantasieversessen
passende Schlüssel
für ferne Schlösser
ohne sich zu fürchten.

Katja Schmidlin
aus dem Lyrikkalender 2018/5

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1

Fremde Hochhaustentakel
dazwischen dünne Schritte
ohne Arme
schwarze Kanten entlarven
unermüdlich neue Ecken
Augen scannen
auf rec. die Ohren
schreiten bis
es heimisch riecht.

Katja Schmidlin
aus dem Lyrikkalender 2018/5

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2

NAMEN

Wenn du
so einen Namen trägst
der schon alles sagt
der nach fremd klingt
oder nach anders
der drücktwie ein Sack
auf dem Rücken
oder ein Kreuz
auf den Schultern
der ungefragt
einen Platz zuweist
im Lebenden
du magst
oder auch nicht
jedenfalls einen Namen
erkennbar für alle
wie ein Stempel
auf der Stirn
dann weißt du:
so heisst du
so hast du zu sein

Ruth Werfel
aus dem Lyrikkalender 2018/4

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1

VERWICKELTE LIEBE

Arm um Arm
Leib an Leib
Bein um Bein

Liebe
ist eine
verwickelte
Sache

Ruth Werfel
aus dem Lyrikkalender 2018/4

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2

WO ICH WOHNE

Mein Bett steht am Fenster
wo Eiswinde gegen Türen schlagen
wo Winterluft die Scheiben
zu gefrieren droht

Wo heiss und kalt ihr Ende finden

In ungewissen Zeiten wohne ich
wo Ziegenkäse geissbar wird
und Appenzeller tropensüchtig

Ich bin dawo ich selber gewölkt
am Himmel steh
und über viele Stufen geh
zu Hause

Olivia Zeier
aus dem Lyrikkalender 2018/3

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1

LANDSCHAFTEN

Landschaften blitzen an meinem inneren Auge vorbei
Wenn ich auf die Dauer höre
Wie lange ich hier schon liege
Währenddessen mein Herz pocht
Will ich alle Jahreszeiten fühlen
Heilig ist mir jeder einzelne Tag mit dir
Auch in Gedanken

Es geht aber noch sehr weit

Bis zum nächsten Baumder blüht und wieder welkt
Habe ich die ganze Welt bereist
Wo du mir überall entgegenfährst

Olivia Zeier
aus dem Lyrikkalender 2018/3

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2

Zeichne den Weg
den Fremde brauchen
um deinem Herz
als Freunde zu begegnen

Susanna Gneist
aus dem Lyrikkalender 2018/2

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1

Bestehen

Bestehen

wo Abweichen
Verbiegen

wo Ausweichen
Verrücken

wo Anpassen
Verlieren

bedeutete

Susanna Gneist
aus dem Lyrikkalender 2018/2

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2

Schatten

Die andere Seite des Ich
der Tod zum Leben
das umgestürzte Licht
verdecktes Wissen,
die dunkle Ahnung.

Marianne Mathys
aus dem Lyrikkalender 2018/1

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1

Neujahrsnacht

Raketen werden steigen gegen Mitternacht,
die Kirchenglocken läuten,
und während des Ausklingens
werden die Lichter erlöschen.

Es wird Stille sein –
für den Bruchteil einer Sekunde
der uns wie eine Ewigkeit erscheint.

Die Stille wird eine Kerbe ziehen
durch Nacht und Zeit –
wird das neue Jahr vom alten trennen –
bevor ein erster Jauchzer sie zerreisst,
gefolgt von perlenden, gegenseitig sich
beglückenden Stimmen.

Marianne Mathys
aus dem Lyrikkalender 2018/1

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